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Gebrüder Grimm gone gory: „Hansel and Gretel: Witch Hunters“

Gebrüder Grimm gone gory: „Hansel and Gretel: Witch Hunters“

Der Titel ist nicht das Hirnrissigste an Tommy Wirkolas atavistischem Action-Horror. Die Vorlage der Gebrüder Grimm erscheint geradezu fortschrittlich-aufklärerisch im Vergleich zu dem kruden Aufguss altväterlicher Ängste, sexistischer Stereotypen und archaischen Vigilantismus. Da hätte das Ä als Marker martialisch-völkischer Intoleranz perfekt zur Fraktur des Titelschriftzugs gepasst, aber vermutlich nervte der fehlende Buchstabe auf der Tastatur beim Zusammenklauben des Drehbuchs einfach. Altdeutsches Gedankengut findet sich auch so reichlich in der inquisitorischen Story im Geiste von Luthers: Die Zauberinnen sollst du nicht leben lasse. Nur eine tote Hexe ist eine gute Hexe“, lautet das Motto der Geschwister, die noch als Erwachsene im selben Zimmer schlafen.

Weil er mal andere Frauen als Gretel (Gemma Arterton) sehen will, macht Hansel (Jeremy Renner) bei der attraktiven Mina (Pihla Viitala) eine Ausnahme. Der Grundsatz des Sheriff Berringer (Peter Stormare), dessen Dorf die gereiften Killer-Kinder 15 Jahre nach ihrem ersten Autodafé besuchen, konkretisiert deren vorurteilsbehaftete Aggression: „Man erkennt eine Hexe, wenn man eine sieht.“ Aber wenn der Typ, dem „Bösewicht“ praktisch auf die Stirn geschrieben steht – nur das Publikum nicht mit Subtilitäten überfordern – sowas sagt, ist das Fanatismus. „Wenn eine Frau Hexerei betreibt, kann sie es nicht verbergen“, erläutert Hansel. Und Gretel fordert zuerst Beweise. Wer keine Sexy Hexy ist, hat Pech gehabt.

Böse Hexen sind hässlich, denn umso mächtiger diese Frauen werden, umso hässlicher werden sie. Kommt dann noch eine suspekte Adresse wie „knorriges Häuschen im Wald“ dazu, genügt das, damit die Zauber-GESTAPO an die Tür klopft. Hat Wirkola womöglich ein klitzekleines Problem mit weiblichen Führungskräften? Jungs, die sich bei Anhören von Bibi Blocksberg Kassetten in die Hosen gemacht haben, können in dem albernen Fantasy-Spektakel ihre Rachegelüste gegen Frauen und alle Normverletzter ausleben. In bester Tradition des historischen Hexenwahns und US-Verhörtaktiken sind die Opfer der Titelfiguren schuldig auf Verdacht und werden zum Geständnis gefoltert. Unschuldige sind da Kollateralschaden: „Die Hexe, die wir gefunden haben, war eine Sackgasse.

Macht nichts, es gibt von der Sorte sowieso mehr als genug, weiß Gretel: „Hexenaktivität ist in letzter Zeit angestiegen.“ Da liegt die abstruse Mär ausnahmsweise richtig: Oz the Great and Powerful ist kaum überstanden, da wird schon Wicked in Hollywoods Hexenkessel angerührt. Produzent Adam McKay ist von aggressiver Archaik und radikalem Reaktionismus ganz bezaubert: „Das ist ein verdammtes Franchise! Davon könnte man drei machen!“ Wie Oberhexe Muriel (Famke Janssen) bedauert: „Menschen haben so grauenvollen Geschmack.

  • OT: Hansel and Gretel: Witch Hunters
  • Regie: Tommy Wirkola
  • Drehbuch: Tommy Wirkola
  • Produktionsland: Deutschland, USA
  • Jahr: 2013
  • Laufzeit: 83 min.
  • Cast: Jeremy Renner, Gemma Arterton, Famke Janssen, Peter Stormare, Zoë Bell, Thomas Mann, Ingrid Bolsø Berdal, Derek Mears, Pihla Viitala, Joanna Kulig, Monique Ganderton, Christian Rubeck, Thomas Scharff, Sebastian Hülk, Stig Frode Henriksen
  • Kinostart: 28.02.2013
  • Beitragsbild © Paramount