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FUCKING RIDICULOUS: Berlinale Kritik zu „Sergio Herman, FUCKING PERFECT“

FUCKING RIDICULOUS: Berlinale Kritik zu „Sergio Herman, FUCKING PERFECT“

Gen Ende seines Schaulaufs durch durch Edelküchen, Szene-Restaurants und Luxusanwesen sinniert der Titelprotagonist über seine vorgebliche Kochvision: „Cool und simpel. Einfach nur ehrliches Essen.“ Cool. Simpel. Aber vor allem muss es eines sein: FUCKING PERFECT. In Großbuchstaben, den Kleinschrift ist was für angepasste Softies. So einer ist Sergio Herman FUCKING NOT! Er bricht die Regeln, nicht nur die der Grammatik, sondern die des respektvollen Miteinanders: Rumschreien, Druck machen, stets das eigene Ego in den Mittel stellen – FUCKING COOL, right? Das findet offensichtlich Willemiek Kluijfhout, die Herman ein weiteres Medium zur Selbstinszenierung gibt: die Leinwand.

Für alle Ahnungslosen, die bei dem Namen Jules Verne an 20.000 Meilen unter dem Meer denken, statt an das Luxus-Restaurant im Eifelturm: Sergio Herman ist der Koch der Niederlande. Seitdem er Küchenchef im Restaurant seines Vaters wurde, erhielt das fortan oft für Monate ausgebuchte „Oud Sluis“ drei Michelin-Sterne, die maximale Punktzahl 20 im „Gault Millau“ und rangierte in Top 20 der „S.Pellegrino World’s 50 Best Restaurants“. Herman ist quasi Jamie Oliver, Gordon Ramsey und Wolfgang Puck in einer Person und damit FUCKING PERFECT! Jedenfalls, wenn es ums Kochen geht. Außerhalb der Gourmet-Tempel, deren Hektik, Präzision und Planung Perez überzeugend vermittelt, ist nichts perfekt für den geplagten Protagonisten. Zuerst sind da seine Restaurants, neben dem „Oud Sluis“ noch das „Jane“ und „Pure C“. Mancher könnte sich schlimmeres vorstellen als ein Trio florierender In-Lokale zu besitzen, aber nur so lange bis er Herman an seinem Erfolg leiden sieht. Still leiden, natürlich, denn er ist wie gesagt kein Softie, er ists ein Kämpfer und Rebell, der sich vor laufender Kamera tätowieren lässt. Ein tätowierter Koch, FUCKING COOL! Dazu trägt er noch einen kernigen Dreitagebart und seine Website ist designt wie die eines Supermodels. 

Da sorgsam konstruierte Individualisten-Image unterstreicht die Eingangsszene eines Fotoshootings. Herman posiert „cool und simple“ während Texttafeln seine Auszeichnungen auflisten und eine Fotografin sagt: „Ich sehe eine glänzende Zukunft.“ Dort scheint der egomanische Workaholic längst angekommen, betrachtet man sein luxuriöses Familienhaus, seine immer top-gestylte, liebe- und verständnisvolle Frau und die vier Bilderbuch-Kinder. Wie die Dokumentarfilmerin, die bereits 2013 mit Mussels in Love im Kulinarischen Kino zu Gast war, Hermans Familie darstellt, ist sie FUCKING PERFECT. Aber damit niemand glaubt, hinter Hermans aggressiver Egozentrik stecke das Selbstmitleid eines materiell und beruflich verwöhnten Angebers, nennt er ungerührt den Preis des Erfolgs: „18, 19, 20 Jahre habe ich nur geschuftet, sonst – nein, nichts!“ Nichts außer den hippen Restaurants, der Villa, der brillanten Karriere, der makellosen Familie, den unzähligen Bewunderern, zu denen offenbar auch Kluijfhout gehört – nein, nichts! Vor lauter Mitgefühl möchte man direkt mit dem an seinem Luxusleben schwer Leidenden tauschen. Aber so einfach kommt man nicht an die Spitze: „Wenn man was Schönes erreichen will, dann schafft man das nicht von heute auf morgen“, erklärt Herman in einem Tattoo-Studio, wo ihm gerae Symbole für Geschmacksrichtungen in den Oberarm gestochen werden, „Oft kommt dann Schmerz und Entbehrung hinzu.

Als Beispiel seiner Aufopferung schließt Herman das „Oud Sluis“, um sich umgehend auf ein neues Gourmet-Projekt zu stürzen. „Zeit ist mein Feind“, erklärte er zu Beginn und Inspiration „ist etwas, das kann man nicht herstellen. Das kommt und geht.“ Manchmal fehlt die Inspiration völlig, wie bei der dokumentarischen Stilisierung, die das Gegenteil ihres Titels ist: FUCKING NOT PERFECT. 

  • Beitragsbild © Berlinale