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Filmischer Flohzirkus „A Monster in Paris“ – Wo ist das Ungezieferspray?

Filmischer Flohzirkus „A Monster in Paris“ – Wo ist das Ungezieferspray?

Ungeziefer gibt es in jeder Form, das zeigt Bibo Bergerons Animationsmusical. Es dreht sich nicht nur um ein übergroßes Ungeziefer, sondern erinnert auf filmsicher Ebene an ein solches.Als neuen Mitsänger in ihrem Akt schickt Varieté-Sängerin Lucille (Vanessa Paradis) einen mysteriösen Unbekannten auf die Bühne und etabliert damit den unangenehmen Titel- und Hauptcharakter. Noch eifriger als sie nach einem musikalischen Partner sucht, will ihre Tante sie verehelichen und zwar mit dem eingebildeten Polizeipräfekten Maynott (Danny Huston). Weil altbackene Gags marke „romantische Komplikationen – hihihi“ manchen nie zu verschimmelt zum Wiederaufwärmen sind, gibt es da noch Kindheitsfreund Roul (Adam Goldberg). Man darf rätseln, wer am Ende die weibliche Trophäe erhält. 

Lucille trällert unterdessen mit ihrem Protege Francoeur, der umgehend zur Sensation des Paris der Belle Epoque wird. Dabei ist er nicht nur ungeheuer begabt, sondern tatsächlich ein Ungeheuer. Damit ja keine Spannung aufkommt, etabliert Bergeron das im historischen Auftakt, bevor sein angestrengter Kinderfilm sich im Duett von kirschtriefender Hommage und quäkigem Musical verliert. Die Kreatur in Montur einer Exzentriker-Karikatur entstammt wiedermal der Zuchtstätte eines verrückten Wissenschaftlers. Eine chemische Explosion verleiht neben einer Sonnenblume einem Floh gigantische Ausmaße. Keine schlechte Metapher für eine literarisch und filmhistorisch parasitäre Story, die Penetranz und Theatralik auf Kinoformat aufplustern sollen. Zu Schade, dass Charakterisierung, Dramatik und Charme von der Radikalexpansion unberührt bleiben. 

Stattdessen trifft es den Schnulzfaktor. Kaum einem der Protagonisten bleibt eine Romanze erspart, auch wenn einige wie der fiese Maynott mit sich selbst und ihrer prospektive Amtsmacht liebäugeln. Raoul macht Lucille ur braven Ehefrau, als die ihre Tante sie sich wünscht. Nur Francoeur trennt gleich Phantom der Oper, Glöckner von Notre Dame und Svengali von der Heldin eine Kluft, die der harmlose Chanson-Reigen nie anzublicken wagt. Zwar Nummernrevue klaut zwar Ideen bei Mad Love, The Fly und King Kong, exterminiert jedoch deren Hintersinn und Ambivalenz wie lästiges Ungeziefer. Denn was wäre so eine larmoyante pittoreske Posse ohne die gute gutbürgerliche Heuchelei? Dem passenden (Gesangs)Partner kriegt Lucille einzig auf der Bühne. Das Monströse taugt als Witzfigur und wohlfeiles Opfer, nicht zur Integration. Darauf eine Extradose Pestizide.

  • Beitragsbild © Universum