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„Es geht nicht darum, die Welt zu retten, sondern um persönliche, kleinere Geschichten“ – Interview mit Gareth Edwards

„Es geht nicht darum, die Welt zu retten, sondern um persönliche, kleinere Geschichten“ – Interview mit Gareth Edwards

Mit minimalem Budget landete der britische Regisseur Gareth Edwards mit seinem hintergründigen Science-Fiction-Thriller Monsters einen Überraschungserfolg. Bei eisigem Wetter und warmer Atmosphäre traf Lida Bach Gareth Edwards im Soho-Club in Berlin. Hier spricht der Regisseur, Drehbuchautor und Special-Effects-Spezialist über computergenerierte und reale Schrecken und das Monster des Terrorismus.

Wann hattest Du erstmals die Idee einen Monster-Film zu drehen?

Ich denke, ich wollte immer einen Monsterfilm machen. Aber es war nicht mein Lebensziel, eines Tages einen Monsterfilm zu drehen – ich wollte von jeher Filme drehen.

Wie hast Du es geschafft, eine Low-Buget-Produktion wie „Monsters“ so unglaublich realistisch zu gestalten?

Ich war erstaunt davon, was du an einem Heim-PC machen kannst. Ich ging auf die Filmschule und mein Mitbewohner, mit dem ich zusammenwohnte, studierte Computeranimation. Das war Mitte der 1990er Jahre – also in einem sehr frühen Stadium der Computeranimation, aber es hat mein Interesse dafür geweckt. Ich bin quasi beruflich in die Richtung Visual Effects abgeschwenkt. Meine Arbeiten, die ich Leuten zeigte, enthielten immer Roboter oder so etwas, was sie viel spannender fanden als meine Filmprojekte. Also verlief meine Karriere in Richtung Computergrafik und ich versuche hartnäckig, sie zurück zum Filmemachen zu lenken.

Wie kamst Du an Dein erstes Regie-Projekt?

Jedem Produzenten, mit dem ich zusammen arbeite, sagte ich, wenn du mich bei einem Fernsehfilm Regie führen lässt, mache ich das umsonst. Die lachten mich nur aus, aber schließlich war jemand dumm genug, sich von mir überzeugen zu lassen, mich einen Film drehen zu lassen.

Einen Deiner frühen Filmen hast Du in Berlin gedreht.

Stolz bin ich nicht darauf. Er hieß End Day.

Ein Film über das Ende der Welt, den ich nie angesehen habe …

Tu’s nicht! Das war das erste was ich je gemacht habe und ich bin darauf überhaupt nicht stolz. Aber Müll wie diesen muss man haben. Es ist, als ob man auf ein Ziel feuert und verfehlt. Doch man lernt, wie man ihm nächstes Mal näher kommen kann.

„Monsters“ ist mehr als ein reiner Horrorfilm: ein Science-Fiction-Thriller, mit einer ausgeprägten politischen und romantischen Richtung.

Ich liebe Science-Fiction und Computergrafik. Doch ich hasse es, wenn es einem egal ist, warum die Charaktere so handeln und was mit ihnen geschieht.

Im Amerikanischen kann sich „alien“ auch auf einen Immigranten beziehen. In „Monsters“ sind die „illegal aliens“ in Mexiko Amerikaner.

Genau, doch weil die Handlung in Mexiko spielt, geht es nicht ausschließlich um Einwanderung. Die Problematik sollte eine sein, die von einem westlichen Land über ein Entwicklungsland gebracht wird. Die USA verkörpern eine Extremform der westlichen Gesellschaft. Würde dergleichen in einem anderen Land geschehene, würden die Amerikaner niemals gehen, sondern dort bleiben, bis sie ihr Problem behoben haben. So etwas kann man nicht verleugnen. Sie lügen über die Aliens genauso, wie wir über die Massenzerstörungswaffen im Irak gelogen haben. Ich habe versucht aus dem wahren Leben zu stehlen, um das zu erklären. Es soll eine Metapher sein: Der Gedanke an ein Monster verkörpert die Angst vor dem Terrorismus. Wenn es mehr Opfer fordert, das Monster zu bekämpfen, als das Monster selbst vernichtet, macht es dann Sinn, es zu bekämpfen? Das war der Gedanke, den ich als Hintergrund der Geschichte wollte.

Entgegen der Genre-Konvention beginnt die Handlung nicht mit der Invasion und endet nicht mit dem Besiegen der „Monster“.

Würde man einen Film über den Zweiten Weltkrieg drehen, würden fünfzig Prozent nicht den Kriegsanfang oder das Ende beinhalten, sondern nur in dieser Epoche spielen. In vielen Aspekten ist dies ein Kriegsfilm. Es sollte mehr Science-Fiction-Filme geben, in denen das Fantastische nur der Hintergrund ist. Es geht nicht darum, die Welt zu retten, sondern um persönliche, kleinere Geschichten.

Hast du schon Pläne für Deinen nächsten Film?

Von Menschen mit wesentlich mehr Erfahrung als ich erhielt ich den Rat, dass der erste Film kein Hit sein muss, sondern den Leuten zeigen soll, wer man ist. Beim zweiten Film muss man sicher gehen, dass er erfolgreich wird, sonst gilt man als Versager. Ich habe jede Menge Ideen für Filmprojekte, die ich realisieren möchte. Besonders eines, das sowohl kommerziell als auch emotional und aufrichtig ist.

Es existieren Stunden zusätzlicher Szenen. Wird es eine längere Fassung von „Monsters“ geben?

Die jetzige Version von Monsters ist der Director’s Cut. Eventuell wird es auf der DVD als Extra etwas Bonus-Material geben. Nichts kann je vollkommen sein und sobald man ein Projekt wiederholt ändert, wird es eher beschädigt. Sobald man etwas ändert, wollen alle das Original. Es ist so, als ob die Mutter einem ein Fotoalbum aus der Kindheit zeigt, in dass sie mit Photo-Shop einen Bruder kopiert hat, und fragt: „Ist es nicht großartig, dass du einen Bruder hattest?“

Welche gegenwärtigen Filmkünstler inspirieren Dich?

M. Night Shyamalan. Mein Lieblingsfilm von ihm ist The Village. Das Problem fast aller Filme ist ja, dass man die Auflösung der Handlung erwartet. Dafür liebe ich einfach The Twilight Zone. Als Kind habe ich mir die Serie immer angeschaut und sogar heute sehe ich sie ständig. Obwohl es fünfzig oder sechzig Jahre her ist, ist es eines der scharfsinnigsten Fernsehprojekte. Im Science-Fiction-Genre lassen sich Kommentare, Themen und Gedanken einbinden, denn die Leute denken, es handele nur von dämlichen Außerirdischen. Man konnte so Aussagen formulieren, die weitaus politischer waren, als man sie damals im Fernsehen äußern konnte. Entscheidend ist, was sich hinter einem fantastischen Szenario verbirgt.

Welches Szenario wünschst Du Dir für Deine eigene filmische Zukunft?

Filmemacher sind meine wahren „Helden“. Ich würde sie wahnsinnig gerne treffen, doch mit ihnen zusammen arbeiten möchte ich nicht unbedingt. Wenn man einen persönlichen Helden hat und er meine Arbeit für Schwachsinn hält, würde mich das extrem beunruhigen. Ich versuche Filme zu drehen, die meinen „Helden“ gefallen würden.

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Beitragsbild © Capelight