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Emmerich, „Anonymous“ & Elitarismus

Emmerich, „Anonymous“ & Elitarismus

Mein erster Gedanke war: warum hat mir das noch nie jemand erzählt?“, beschreibt John Orloff seine Konfrontation mit der Theorie, auf der sein Drehbuch basiert. „Mein zweiter Gedanke war, dass diese Geschichte wie geschaffen sei für einen großartigen Filmstoff.“ Das fühlte auch Roland Emmerich, der den Buchautor auf die Leinwand hievte. Wirklich alles sei dabei gewesen: „Mord, Sex, Lügen, Verrat – der Stoff für ein Drama wie von Shakespeare.“ Mit Kunst habe Kunst nichts zu tun, erklärt Edward de Vere (Rhys Ifans): „Alle Kunst ist politisch, sonst wäre sie bloße Dekoration und jeder Künstler hat etwas zu sagen, sonst würde er Schuhe machen. Und ihr seid kein Schuster, oder?“ Nein, das ist sein Gegenüber Ben Johnson (Sebastian Armesto) nicht. Das Publikum, das die Filmemacher für begriffsstutziger halten als sie Johnson darstellen, soll sich diese Frage im Bezug auf Emmerich stellen: Ist der Regisseur und Produzent Manolo Blahnik?

Öhm, gut möglich, immerhin eine wahrscheinlichere These als die, das Shakespeare nicht Autor seiner Werke sei, weil große Kunst nur von Adel und Elite geschaffen werden könne. Doch in seiner Verachtung für alle niederen Arbeiter sieht sich Emmerich wohl kaum als Schuster. Folglich wäre sein verworrener Kostümschinken politisch und er ein Künstler, der Bedeutsames zu sagen hat. „Zehntausende, die sich die Worte eines einzelnen Mannes anhören. Das ist Macht!“, schwärmt de Vere. Dergleichen Dialogphrasen werfen ein ebenso enthüllendes Licht auf seine Motivation wie auf die des Regisseurs. Den „Pöbel“, wie der Earl of Oxford seine weniger begüterten Verehrer beschimpft, will er lenken als wären die Theaterbesucher Bühnenfiguren seiner Privatunterhaltung. Das Volk im Theater bringt den Kunstfiguren auf der Bühne mehr Mitgefühl entgegen als der Earl ihnen, realen Individuen.

Solche menschenverachtende Arroganz kritisiert der abstruse Plot nicht, nein, er glorifiziert sie als Privileg der Reichen und Mächtigen. Manipulation durch Massenmedien erscheint als legitime Nutzung humaner Ressourcen. Grundstein der Handlung ist ein Konzept, nachdem intellektuelles und materielles Vermögen einander bedingen. „Es ging um das Thema Genie und um die Frage wer ist talentiert und wer nicht“, erklärt Emmerich. Nicht talentiert sind Christopher Marlowe (Trystan Gravelle), Johnson und der Schauspieler Shakespeare (Rafe Spall), deren niedere Herkunft sie automatisch affektiert, unaufrichtig und talentlos macht. Arme sind in der Filmwelt nicht nur geistig minderwertig, sondern moralisch. Wie gut, dass der edelmütige Adel sie im Zaum hält! „Wusstet Ihr, dass der Adelsstand meiner Familie länger zurückreicht als der irgendeiner anderen Familie in England?“, protzt de Vere während er im Daunenbett „King Lear“ vollendet.

Logisch, wenn Adel gleich Talent ist, ist der Altadel am talentiertesten. Laut der bigotten Prämisse könne das Kind eines Analphabeten niemals ein Poet werden und ein Schauspieler kein literarisches Genie sein. Aber wie sollen die ohne Von und Zu geborenen Kinozuschauer die hehre Lektion in Elitarismus begreifen? Von Shakespeare müsse man nicht viel verstehen, beruhigt Emmerich, der die auf der Leinwand erwähnten Theaterstücke „Shakespeares Greatest Hits“ nennet. Sein eigenes Werk sieht er dem des Barden ebenbürtig: „Es ist eine sehr Shakespearsche Story.“ Darin heißt es, an Queen & Co. würden sich die Leute nur erinnern, da de Vere „Tinte zu Papier brachte“. Dass es noch andere Autoren und eine Welt jenseits von England gibt, scheint vor lauter Verblendung vergessen. Hey, scheint Emmerich zu sagen, ihr hättet doch auch keine Ahnung, wer Will S., Queen Lizzie und Boy Johnson sind, wenn wir tollen Hollywood-Typen nicht Shakespeare in Love, Rome + Juliette und Dutzende Kenneth-Branagh-Movies gedreht hätten!

Satire? Schön wär‘s, aber alle absichtliche Ironie erschöpft sich im Meerjungfrauen-Logo einer Starbucks-Schenke. Was würde der im Grab rotierende Shakespeare dazu nur sagen?

… a tale told by an idiot,
full of sound and fury;
signifying nothing.

William Shakespeare
  • OT: Anonymous
  • Regie: Roland Emmerich
  • Drehbuch: John Orloff
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 131 min.
  • Cast: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Joely Richardson, David Thewlis, Xavier
  • Samuel, Sebastian Armesto, Rafe Spall, Jamie Campbell Bower, Derek Jacobi
  • Kinostart: 03.11.2011
  • Beitragsbild © Sony