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Dumbifying Doyle: Guy Ritchie’s „Sherlock Holmes: A Game of Shadows“

Dumbifying Doyle: Guy Ritchie’s „Sherlock Holmes: A Game of Shadows“

So selbstsicher, selbst noch in der Niederlage?“ Guy Ritchies zweite Blockbuster-Fassung nach Arthur Conan Doyles Kriminalreihe wirkt wie eine zweistündige Antwort auf die Frage, die Holmes (Robert Downey, Jr.) zu Beginn Widersacherin Irene Adler (Rachel McAdams) stellt. Charaktereistisch für traditionelle Detektiv-Prosa ist sie rhetorisch: gestellt für ein Publikum, das den ingeniösen Schlussfolgerungen des Hauptcharakters nicht folgen kann. Nicht aus Mangel an Kombinationsvermögen, sondern weil die Teile des Kriminalpuzzles verdeckt bleiben, bis der Meisterermittler sie persönlich aufzeigt. Game of Shadows beschreibt der Untertitel der Fortsetzung von Ritchies Sherlock Holmes treffend die gemeinsame Prämisse von Plot und Komplott. 

Das letzte gemeinsame Abenteuer, als das er gegenüber Dr. Watson (Jude Law) das auf The Final Problem basierende Kräftemessen mit Professor Moriarty (Jarred Harris) ankündigt, ist sein größter und tiefster Fall, figurativ und praktisch: hinab die Reichenbach Fälle, aus deren Wassern Doyle seinen Helden nach Leser-Protesten wiederauferstehen ließ. Ritchie hingegen wartet (reichlich unwahrscheinliche) Proteste gar nicht erst ab. Vielleicht, weil er Moriatrys Ansicht teilt, dass bei größeren Konflikten „Schäden kollateraler Natur niemals zu vermeiden sind.“ Erster davon ist Holmes liebste Feindin Adler (Rachel McAdams): symptomatisch für das Fehlen relevanter Frauenfiguren. Noomi Rapaces Kartenleserin Simza ist als wandelndes Zigeunerklischee lediglich eine flüchtige visuelle Ablenkung von der Exklusivität des Männerzirkels, ergänzt durchs Holmes Bruder Mycroft (Stephen Frye). Weniger öde ist Moriatry, dessen zynische Rationalität faszinierender ist als Holmes waghalsige Exzentrik. 

Die Egomanen spiegeln einander im rücksichtslosen Verfolgen ihrer Absichten. Einer der raren Dialoge, die über seichte Sprüche hinausgehen, liefert eine Charakterisierung Moriartys, die ebenso auf Holmes passt. Wie sein Verfolger hat der „Napoleon des Verbrechens“ zudem einen Handlanger, dessen Verhältnis zu Moriarty bedeutend intensiver wirkt als das Watsons und seiner als Hetero-Alibi eingefügten Mary (Kelly Reilly). Läppische Wortspiele und anachronistische Pointen halten den viktorianischen Kostümkrimi mühsam am Laufen, während der Ritchie-typische Overkill an Nahaufnahmen, Zeitlupe und Zeitraffer die Handlung nachhaltig ausbremst. Wie gewohnt zählen statt Suspense und Intelligenz lediglich grelle Effekte, infantile Ironie und selbstdarstellerische Showstopper. Ernüchternderweise fehlen dem solide besetzten Detektiv-Krimi ausgerechnet jene Qualitäten, die Doyles Werk ausmachten Atmosphäre, Hintersinn und Klasse. 

  • OT: Sherlock Holmes: A Game of Shadows
  • Regie: Guy Ritchie
  • Drehbuch: Kieran Mulroney, Michele Mulroney
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 129 min. 
  • Cast: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Jared Harris, Noomi Rapace, Stephen Fry, Geraldine James, Kelly Reilly, Eddie Marsan, William Houston, Gilles Lellouche, Thorston Manderlay
  • Kinostart: 22.12.2011
  • Beitragsbild © Warner Bros.
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