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Death by digital? In „Side by Side“ wird die Zukunft des Mediums diskutiert – fast nur von Männern

Death by digital? In „Side by Side“ wird die Zukunft des Mediums diskutiert – fast nur von Männern

Blut auf Zelluloid. So sei es gewesen, buchstäblich, berichtet ein Kameramann. Beim Schneiden des Films hätten einem die Schnittkanten der Rollen die Finger zerschunden, bis das Blut des Cutters floss. Eine Ära, die Regisseur Chris Kenneally mit dem Aufkommen des digitalen Films an ihrem Ende sieht. „Wandel beginnt mit dem Angebot einer neuen Wahl, die schließlich die alte Wahl verdrängt“, erklärt einer Interviewpartner. Eine ausgewählte Gruppe von Regisseuren, Technikern, Cuttern, Filmstudenten und Filmvorführern kommuniziert mit Produzent und Sprecher Keanu Reeves über Chancen und Risiken eines kontroversen Game Changers namens Digitalfilm. 

Kameras waren schwer, sperrig, empfindlich. Zu Materialproblemen kamen materielle. Das traditionelle Medium war so kostspielig, dass manche bei den Dreharbeiten kaltes Grauen beschlich. „Das erste Mal, als ich das Geräusch einer Laufenden Kamera hörte, machte es mich nervös“, erinnert sich Lena Dunham. Der Schauspielerin und Regisseurin kam es vor, als höre sie Geld verrinnen. Filme machen war exklusiv, fast schon elitär. Klingt ähnlich gruselig wie Nitrofilm, bei dem eine Funke genügte, um alles in Flammen aufgehen. Die Revolution kam ’98 in Form der dänischen Low-Budget-Produktion Das Fest. Das hochgelobte und vielbeachtete Drama packte Filmkünstler und Publikum gleichermaßen mit Naturalismus und Intensität. Dogma initiierte eine neue Art des Filmemachens: Digital. 

Es brachte die Leute um der Kreativität willen zum Filmdrehen“ lautete einer der Eindrücke, die Kenneally in offener Diskussion gegenüberstellt. Auf einmal konnte jeder Filme machen, mit beliebig vielen Einstellungen, Wiederholungen, einer unendlich veränderbare Farbpalette und immer beeindruckenderen Effekten. „Man kann etwas einfangen, das man niemals mit dieser gigantischen Kamera erfasst hätte“, sagt David Lynch. Er spricht neben David Finche und Danny Boyle über die technische Neuerung, der andere Kollegen skeptisch gegenüberstehen: „Ich weiß nicht, ob eine jüngere Generation noch glaubt, das irgendetwas im Kino echt ist“, überlegt Martin Scorsese, der im Artifiziellen einen emotionalen und ideellen Verlust sieht: den der Magie, den bewegte Bilder dazumal versprühten. 

Das Gespenst der verloren Filmschätze indes geht weiter um, nunmehr in Form überholter Digitalaufnahmen, für die es keine Abspielgeräte gibt. Stehen eines Tages abertausende Filme sorgfältig archiviert im Regal wie Hieroglyphen, unentzifferbar, es sei denn man stößt auf ein antiquiertes Abspielgerät? Das Potpourri widersprüchlicher, meist stark subjektiver Aussagen verleiht der Inszenierung trotz des uniformen Talking-Heads-Stils ansatzweise Dynamik und beiläufigen Witz. Der entscheidende Mangel der Kolportage liegt in der Beschränktheit der professionellen Perspektive. Fast ausschließlich weiße Männer schwadronieren hier, als sei ihre Filmarbeit und Fachtheorie Maß aller Dinge. Das Ideal des Side by Side gilt offenkundig nur der technischen Ebene. 

  • Beitragsbild © Berlinale
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