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Carey Mulligan shines in tactfully modernized adaption of Hardy’s „Far from the Madding Crowd“

Carey Mulligan shines in tactfully modernized adaption of Hardy’s „Far from the Madding Crowd“

Thomas Hardys sozialkritischer Roman gelangte vor einem Jahrhundert erstmals auf die Kinoleinwand. Viele Adaptionen erfuhr das Werk seitdem nicht, im Gegensatz zu denen von Hardys Zeitgenossen Charles Dickens und Emily Bronte. Anders als deren Protagonisten ringen die Hardys mehr mit den Dingen, die aufgrund der Zeitmoral nicht geschehen dürfen oder können, als mit unwahrscheinlichen Ereignissen. Vor diesem Hintergrund tut es dem Genuss von Thomas Vinterbergs Verfilmung keinen Abbruch, dass von Anfang an klar ist, für welchen ihrer drei Verehrer sich Heldin Bathsheba Everdene (Carey Mulligan) entscheiden wird. 

Viel wichtiger ist am fiktiven Handlungsschauplatz Wessex im England des 19. Jahrhunderts, das Bathsheba ihrer eigene Unabhängigkeit erkennt und ausschöpft. Diesen definierenden Wesenszug zeigt die junge Frau erstmals, indem sie den Heiratsantrag ihres optisch und materiell eine attraktive Partie darstellenden Nachbarn Gabriel Oak (Matthias Schoenaerts) ausschlägt. Der Schäfer steht sozial über ihr, dass sie instinktiv fürchtet, nur als seine Untergebene auf seiner Farm einziehen zu können. Doch das Schicksal, dessen Willkür alle Figuren Hardys unterworfen sind, hält eine Umkehr der Vorbedingungen für beide bereit. Oak verliert seine Herde; Bathsheba hingegen erbt das heruntergewirtschaftete Gut ihres Onkels. Die wirtschaftliche Herausforderung scheint der eigenwilligen Hauptfigur nur willkommen. Bathsheba hat Ambitionen und die kreisen nicht um einen veritablen Gatten. Dabei ist sie keineswegs immun gegen Avancen des wohlhabenden älteren Grundbesitzer Boldwood (Michael Sheen) oder des prahlerischen Offiziers Frank Troy (Tom Sturridge). Mehr noch als im Roman wird sie dank Mulligans starker Verkörperung fast zur proto-feministischen Figur. Denn eigentlich ringt Bathsheba nicht mit der Frage, welchen der drei Anwärter sie will, sondern, ob sie überhaupt einen möchte. 

Alles, was Boldwood, Troy und zu Beginn auch Oak ihr bieten können, sind die aus viktorianischer Sicht typischen Spielzeuge einer Frau: ein Klavier, ein Garten, Kinder. Jedes davon steht sinnbildlich für die einer Frau zugewiesenen Lebensinhalte, nämlich Gefallen, Hausarbeit und Mutterschaft. „Was für ein Luxus es ist, wählen zu können“, seufzt Bathshebas kecke Mitarbeiterin Liddy (Jessica Barden) und meint nicht bloß die Auswahl zwischen drei Eheanwärter zu haben, sondern das Privileg, keinen zu nehmen. Besitz und Status befreien Bathsheba von der Notwendigkeit, einen Versorger zu finden. Sie ist im doppelten Sinne ungebunden: frei von ehelichen und materiellen Fesseln. Vinterberg kanalisiert die Gesellschaftskritik der Vorlage in den gegenwärtigen Trend zu realistischeren weiblichen Charakteren. Leider verfehlt er dabei ein entscheidendes Element der Prosa Hardys, der schrieb: „Eine starke Frau, die ihre Stärke achtlos fortwirft, ist schlimmer als eine schwache Frau, die nie Stärke besessen hat“. Dieser Eindruck überwiegt, wenn die anfangs unbeirrte Protagonisten in der zweiten Hälfte der Story plötzlich eine eklatante Fehlentscheidung nach der anderen trifft. Schließlich aber sind es die Missgriffe, die Bathsheba aufzeigen, was sie instinktiv immer fühlte: Sie kann ohne Ehemann im Leben bestehen. 

Erst mit diesem Wissen ist sie tatsächlich frei, zu wählen, was sie möchte: einen Partner, der mit ihr zusammenarbeitet, statt sie zu verhätscheln oder herumzukommandieren. Wenn auch Vinterbergs Inszenierung ihre Schwächen hat, machen Charlotte Bruus Kamerabilder und Carey Mulligans Darstellung sie wett. Die Landschaft des entlegenen Titelortes scheint ein pastorale Idyll, doch hinter der Schönheit verbirgt sich die Härte der Natur, die von den persönlichen Tragödien der Menschen ungerührt bleibt. Es ist diese Harmonie aus Bildern, Schauspiel und literarischer Romantik, mit dem der Hauptfigur gelingt, was sie sich nach ihren eigenen Worten vorgenommen hat: „euch alle zu erstaunen.“ 

  • OT: Far from the Madding Crowd
  • Regie: Thomas Vinterberg
  • Drehbuch: David Nicholls, Thomas Hardy
  • Produktionsland: UK, USA
  • Jahr: 2015
  • Laufzeit: 119 min. 
  • Cast: Carey Mulligan, Matthias Schoenaerts, Tilly Vosburgh, Mark Wingett, Dorian Lough, Sam Phillips, Tom Sturridge, Juno Temple, Bradley Hall, Hilton McRae, Jessica Barden, Harry Peacock, Victor McGuire, Michael Sheen, Jody Halse, Pauline Whitaker
  • Kinostart: 16.07.2015
  • Beitragsbild © Fox 
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