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Bertrand Bonellos „Haus der Sünde“ zelebriert die Illusion, die er zu dekonstruieren vorgibt

Bertrand Bonellos „Haus der Sünde“ zelebriert die Illusion, die er zu dekonstruieren vorgibt

Eine Frauengestalt gleitet durch den düsteren Flur eines Pariser Nobeletablissements, dessen tabuisierten moralischen Status die Titelvariationen auf den Filmpostern spiegeln. Haus der Freude, Haus der Sünde, Haus der Freizügigkeit, Geschlossenes Haus oder schlicht bei seinem dramatischen Namen L’Appollonide nennen sie den Schauplatz von Bertrand Bonellos stilisierter Elegie. Sie betrauert weniger die in ihrem psychischen und physischen Leiden dekorativ und lasziv präsentierten Charaktere als die Illusion einer Epoche. Das Gespenst jener Ära romantisierten Niedergangs und ästhetischer, grotesk tugendsamer Unsittlichkeit ist überaus lebendig in der schwelgerischen Inszenierung. 

Mit einem die eigenen vorgegaukelten Intentionen demaskierenden Voyeurismus beobachtet der Regisseur und Drehbuchautor ein halbes Dutzend der Hausbewohnerinnen sowie deren Dienstherrin (Noémie Lvovsky). Vor dunklen Vorhängen und edlen Tapeten räkeln sich die Protagonistinnen in träger Frivolität. Getaucht in matt schimmerndes Licht, üppiges Dekor und Messingbadewannen voller Champagner, umhüllt von dichtem Haar und fließenden Gewändern posieren sie scheinbar endlos für Salon-Gemälde, tatsächlich jedoch für Männer. Zu ihnen zählt letztlich auch Bonello. Er verleugnet oder verkennt seine eigene ambivalenten Ausbeutungsposition, sowohl gegenüber den fiktiven Figuren als auch den realen Frauen, die einst ein ähnliches Dasein führten. Ihre trügerisch verlockende Welt besteht aus teuren Parfums, von denen jede ihren eigenen Duft hat, intensiven Farben und anachronistischen Musikstücken, die der kongeniale Soundtrack zum symphonischen Off-Kommentar arrangiert. 

Sie tauschen Blicke mit den Kunden, die ähnlich wie sie alle in Prosa sprechen, lassen Opiumpfeifen und Sektflöten kreisen und spiegeln sich im grünlichen Schein von Smaragden und Absinth. Noch spärlicher als die Bekleidung ist das Handlungsgeflecht. Statt eines kunstvollen Mosaiks ergeben die zwischen Melodramatik, Sensationalismus und Fatalismus changierenden Episoden nur schillernde Bruchstücke mit Namen. Lea (Adele Haenel), die an Syphilis erkrankt, die an einen Kunden wie auf dem Sklavenmarkt verkaufte Algerierin Samira (Hafsia Herzi), die nach 12 Jahren im Bordell verlebte Opiumsüchtige Clotilde (Celine Salletta), die jugendliche Anfängerin Pauline (Iliana Zabeth) und die von einem Kunden entstellte Madeleine (Alice Barnole). Ihr Narbenlächeln ist die markanteste Chiffre für die Scharade der Lustbarkeit, bezeichnenderweise kopiert. 

Das ausstattungstechnisch grandiose Kammerspiel quillt über vor historischen und künstlerischen Verweisen, auf Hoffmanns Erzählungen, The Man who Laughs und Les Yeux sans Visage sowie Courbet, Degas und Renoir. Männer von künstlerischen Renommee mit einer Faszination für Prostituierte, denen sich Bonelle zur Seite stellt. Die indirekte Rechtfertigung seiner morbiden Schaulust ist zugleich Selbstverherrlichung. 

  • OT: L’apollonide
  • Regie: Bertrand Bonello
  • Drehbuch: Bertrand Bonello
  • Produktionsland: Frankreich 
  • Jahr: 2010
  • Laufzeit: 122 min.
  • Cast: Hafsia Herzi, Adèle Haenel, Jasmine Trinca, Noémie Lvovsky, Louis-Do de Lencquesaing, Céline Sallette
  • Kinostart: 19.04.2012
  • Beitragsbild © NFP