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Berlinale ’19: „My Extraordinary Summer with Tess“- konservative Konventionalität auf kindertauglich

Berlinale ’19: „My Extraordinary Summer with Tess“- konservative Konventionalität auf kindertauglich

Mag sein, dass es in Anna Woltz‘ Kinderbuch „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“ um mehr ging, als Sommerurlaub mit Sommerliebe und Bilderbuch-Familie vor Bilderbuch-Kulisse. In Ansätzen zeigen sich in der Handlung von Steven Wouterloods Kinodebüt noch essenziell Kinderfragen, nach dem Tod oder danach, was besser ist: Alleinsein zum Preis von Einsamkeit, Langeweile und Überforderung oder Gemeinschaft zum Preis von Gehorsam, Unterordnung und Überdruss. Doch der Regisseur eliminiert mit dem Originaltitel die Mehrheit der ausbaufähigen Motive der Vorlage. In jener sind der 10-jährige Sam (Sonny Coops Van Utteren) und die zwei Jahre ältere Tess (Josephine Arendsen) ein Gegensatz-Duo. 

Er ist klein für sein Alter, sie groß für ihres. Sie ist selbstbewusst, er schüchtern. Er ist ein Grübler, sie eine Unternehmerin. Wouterlood hingegen sieht nur einen Unterschied: Sam ist ein Junge, Tess ein Mädchen. Damit sind beider Rollen in dem tranigen Moralmärchen besiegelt. Mädchen kommen nicht allein zurecht, darum ist Tess bei ihren verrückten Vorhaben auf Sam angewiesen. Außerdem sind Mädchen (und später Frauen) Objekte des Begehrens, darum ist der kleine Held hinter Tess her, während sein jugendlicher Bruder (Julian Ras) auf der dauersonnigen Ferieninsel hinter einer Fritten-Verkäuferin her ist und der ortsansässige Fahrradverleiher (Guido Pollemans) hinter Tess‘ Single-Mutter.

Singel- was?! Das geht mal gar nicht, denn jedes Kind weiß doch oder soll nach Meinung der Filmemacher wissen: Mädchen brauchen einen Vater! Der von Tess war 12 Jahre abwesend, da Mama ihm offenbar grundlos seinen Nachwuchs verheimlicht hat und Tess Papas Identität. Die findet Töchterchen trotzdem und lotst den ahnungslosen Hugo (Johannes Kienast) aufs Eiland. Beginn einer Schnitzeljagd, bei der alle Sieger sein sollen. Der Hauptpreis lautet konservative Kernfamilie und Heteronormativität. Für Sam gibt es einen Bonus-Bussi, denn eine „richtige Familie“ hat Tess nur dank seiner Unterstützung, weil Mädchen alleine nichts können – außer Mini Manic Pixie Dream Girl sein.

Unter der gefälligen Oberfläche ist Steven Wouterloods Verfilmung des (im Original) gleichnamigen Kinderbuchs ein Fibel der Biederkeit und Bagatellisierung. Damit beide triumphieren werden, Logik und psychologische Glaubwürdigkeit über Bord geworfen. Die sympathischen Kinderdarsteller können die brave Story, der Witz und Tempo genauso wie Dramatik fehlen, kaum aufwerten. Substanzielle Konflikte Heranwachsender wie der zwischen Individualismus und Kollektivismus werden abgewürgt, bevor die Handlung sie konkretisieren kann. Was bleibt sind spießige Konventionalität, inszenatorisch, dramaturgisch und pädagogisch.

  • OT: Mijn bijzonder rare week met Tess 
  • Regie: Steven Wouterlood
  • Drehbuch: Laura van Dijk
  • Produktionsland: Niederlande, Deutschland
  • Jahr: 2019
  • Laufzeit: 82 min. 
  • Cast: Jennifer Hoffman, Guido Pollemans, Terence Schreurs, Julian Ras, Hans Dagelet, Tjebbo Gerritsma, Johannes Kienast, Suzan Boogaerdt, Sonny Coops Van Utteren, Josephine Arendsen
  • Beitragsbild © Berlinale
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