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Berlinale ’19: „Mr. Jones“ thematisiert den Horror des Holodomor

Berlinale ’19: „Mr. Jones“ thematisiert den Horror des Holodomor

Die Hartnäckigkeit des Titelcharakters braucht augenscheinlich auch die Regisseurin, um einer nach beruhigenden Lügenmärchen gierenden Masse wenigstens ein kleines Stück Wirklichkeit reinzuwürgen. Agnieszka Hollands jüngstes Werk ist eine im Geiste der handlungszentralen Autoren verfasste Brandschrift, zwischen deren Zeilen es zu lesen gilt, nicht anders als Pokot im Vorjahr. Damals verarbeitete Lance Daly in Black 47 bereits eine menschengemachte Hungerkatastrophe. Auch Stalins Hungersnot war ideologisch lanciert, systematisch vertuscht und wirkt bis in die Gegenwart. Doch statt in den Kontext politischer Spätfolgen setzt Drehbuchautorin Andrea Chalupa den fast vergessenen Protagonisten in indirekte Konkurrenz zu George Orwell (Joseph Mawle), der in der Eröffnungsszene an der Schreibmaschine sitzt.

Das Buch, welches dort gerade entsteht, ist bekanntermaßen inspiriert von den Artikeln. Deren Entstehung die Geschichte im Gegenzug nur unzureichend abdeckt. Es scheint, als misstraute die Regisseurin selbst ihrem entschlossenen Helden oder zumindest dessen Bekanntheitsgrad beim Publikum. Dem füttert der Plot eine fiktive Romanze mit der in Moskau stationierten Kollegin Ada (Vanessa Kirby), gestelzter Exposition von Jones Familienhintergrund und einer bizarren Betonungen seiner moralischen Integrität auf einer Sexparty, gehostet von Jones’ Nemesis Walter Duranty (Peter Sarsgaard), den der Angriff ad hominem zusätzlich diskreditiert. Hinter dem von dergleichen überflüssigen Eskapaden evozierten Leinwandtypus des aufrechten Journalisten (James Norton) verschwindet fast der echte Gareth Jones.

Sein Wagemut führt ihn erst im eindrucksvollen Mittelakt der Handlung in die Hölle des Holodomor. Eine gespenstische Zugfahrt an der Seite eines Industriellen trägt Jones von der sinnbildlich und praktisch zugleich übersättigten und unersättlichen Sowjet-Elite in eine entvölkerte Eiswüste. Dort laden Leichenkarren todgeweihte Kinder verhungerter Mütter und kämpfen hohlwangige Bauern um Rationen, während der karge Ertrag des gescheiterten 5-Jahres-Plans nach Moskau exportiert wird. Expressionistische Szenarien in denen schwarz gekleidete Menschen wie lebende Tote durch gleißenden Schnee ziehen, nagen sich in Jones’ Gedächtnis wie in das des Publikums, welches Holland viel zu früh von diesem Grauen entlässt – oder entlassen musste.

Der zensierende Einfluss der Geldgeber scheint für Agnieszka Holland bei der expressiven Inszenierung ihrer ambitionierten Mischung aus Historienthriller und Biopic ebenso hinderlich gewesen zu sein, wie er es seinerzeit dem Hauptcharakter war. Obwohl die packende Story immer wieder durch abgegriffene Topoi verwässert wird, entwirft die Regisseurin mit provokanten Allegorien und hintersinnigen politischen Metaphern einen Abgesang auf gesellschaftspolitische Illusionen, seien es die vom kommunistischen Arbeiterparadies oder der Unbestechlichkeit der freien Presse. Ein manchmal wankender, doch dafür umso bewundernswerterer Balanceakt zwischen Konvention und Avantgarde.

  • OT: Mr. Jones
  • Regie: Agnieszka Holland
  • Drehbuch: Andrea Chalupa
  • Produktionsland: UK, Polen, Ukraine
  • Jahr: 2019
  • Laufzeit: 141 min. 
  • Cast: Vanessa Kirby, James Norton, Peter Sarsgaard, Joseph Mawle, Celyn Jones, Michalina Olszanska, Kenneth Cranham, Richard Elfyn, Julian Lewis Jones, Beata Poźniak, Patricia Volny, Krzysztof Pieczynski, Sabrina John, Billy Holland, Martin Hugh Henley
  • Beitragsbild © Berlinale 
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