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Berlinale ’19: „House of Hummingbird“ ist schmerzlich-schöne Coming-of-Age-Story

Berlinale ’19: „House of Hummingbird“ ist schmerzlich-schöne Coming-of-Age-Story

Psychischer und physischer Schmerz fließen unmerklich ineinander wie flüchtige Momente der Leichtigkeit in die tägliche Quälerei. Sie ist einzige Konstante im zerrütteten Mikrokosmos Eun-hees (Park Jihu). Die 14-Jährige zieht einen masochistischen Trost aus dem Gefühl einer Sicherheit, die sonst in ihrem privaten und sozialen Umfeld abwesend ist. Jeden Tag könnten der durch die eigene Loser-Existenz frustrierte Vater (Jeong Ingi) und die gleichgültige Mutter (Lee Seungyeon) sie endgültig ausschließen: aus der Familie, dem beengten Apartment und einem Leben, aus dem Kim Bo-ras Erinnerungen an ihre Jugend im Seoul Mitte der 90er wie scharfkantige Splitter herausstechen. 

In ruhigen Bildern, über denen blasse Schleier der Niedergeschlagenheit liegen, und bewusst reduziertem Tempo inszeniert die Regisseurin die semi-biografische Geschichte eines im figürlichen und praktischen Sinn schmerzvollen Heranwachsens. Die Gewalt des von den Eltern favorisierten großen Bruders Daehoon (Son Sangyeon), die Schikanen der Lehrer und Verachtung der Eltern – erträgt die verschlossene Hauptfigur mit einer stoischen Ergebenheit, die ihre Peiniger weiter provoziert. Was ihr Umfeld für Trotz hält, ist ein überwältigendes Ohnmachtsgefühl. Das und das sinnlose Abrackern für ein sozialsystematisches Fleiß- und Erfolgsideal machen Eun-hee unendlich müde. Einen Überdruss, den Park Jihu mit schlafwandlerischer Kongenialität verkörpert.  

Erst die Beziehung zu Lehrerin Youngji (Kim Saebyuk) weckt Eun-hee aus der resignativen Apathie. Beider zärtliche Vertrautheit gibt der Jugendlichen, was sexuelle Experimente mit Jungen und Mädchen nicht geben können. Doch Kims fesselndes Spielfilmdebüt ist kein koreanischer Lady Bird, eher dessen realistischer Gegenentwurf. Soziale und emotionale Kälte verschmelzen in destruktiver Synthese. Ein Halt, eine Freundschaft, eine Brücke – alles kann unvermittelt einbrechen. Familie ist wie ein nominell „gutartiger“ Tumor, der Nervenlähmung auslöst. Es braucht tiefe Einschnitte für einen vagen Ausblick auf Heilung. In der hintergründigen Studie einer Persönlichkeit und einer ungewissen Ära reißt Kim die Narben wieder auf. 

  • OT: Beol-sae
  • Regie: Kim Bo-ra
  • Drehbuch: Kim Bo-ra
  • Produktionsland: Korea
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 138 min. 
  • Cast: Park Jihu, Kim Saebyuk, Lee Seungyeon, Jeong Ingi, Seol Hyein, Park Saeyun, Jeong Yunseo, Bak Suyeon, Son Sangyeon
  • Beitragsbild © Berlinale
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