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Berlinale ’19: Hikari, Handicaps & Hentai in „37 Seconds“

Berlinale ’19: Hikari, Handicaps & Hentai in „37 Seconds“

Für beide ist es der erste Anlauf, beiden mangelt es an Selbstvertrauen und beide sind viel zu nett – zu ihrem eigenen Nachteil. Filmemacherin Hikari alias Mitsuyo Miyazaki und ihre ungewöhnliche Heldin haben eine Reihe Gemeinsamkeiten. Leider tragen die Parallelen wenig dazu bei, das blauäugige Plädoyer für gesellschaftliche Akzeptanz aufzuwerten. Ähnlich ihrer jungen Hauptfigur traut sie sich einfach nicht. Dabei wissen beide ziemlich gut, was sie wollen. Im Fall der Regisseurin und Drehbuchautorin ist das eine Menge: Tempo, Drama, Humor, Selbstbehauptung, Romantik, Sex. 

Die letzten drei würden der jungen Yuma (Mei Kayama) reichen. Am Ende kriegt keine der beiden Frauen, was sie will, doch die frohgemute Inszenierung tut trotzdem so, als wäre das ein Happy End. Dergleichen Schönfärberei ist eine der markantesten Schwächen einer Inszenierung mit einem Übermaß spannender Idee. Entwickelt wird keine; nichtmal die konstantesten Motive, der Kampf um Unabhängigkeit und das Verlangen nach erfüllter Sexualität, werden schlüssig ausgearbeitet. Im Grunde entflieht die schüchterne Protagonistin trotz allem nie der Überfürsorge ihrer übergriffigen Mutter (Misuzu Kanno).

Yuma navigiert sich quer durchs Soap-Klischeeland und ein halbes Dutzend Filmplots – viele durchaus spannend. Umso frustrierender, dass Hikari an keinem festhält. Die Story einer sexuell ahnungslosen, gehandicapten Mangaka bei einem Porno-Verlag schwenkt abrupt in eine Rom-Com über ihre Dating-Portale, denn fürs Hentai-Zeichnen ist Sexerfahrung laut Chefin unabdingbar. Äh, weil Pornos so realistisch sind? Egal, auf Sex-Suche trifft Yuma Mai (Makiko Watanabe). Die Hure mit goldenem Herzen wird prompt zur Ersatzmutter, was Yumas spießige Mama als Bedrohung sieht.

Noch eine interessante Story, doch Hikari springt zur nächsten. Yuma reißt aus und findet bei Mais Chauffeur Toshiya (Shunsuke Daitō) Unterkunft. Zartes Liebesdrama? Nein, es wartet noch eine alte Postkarte von Yumas mysteriösem Vater, eine Kindheitserinnerung nimmt buchstäblich Gestalt an und der Selbstfindungstrip führt bis nach Thailand. Für Charakterentwicklung ist bei den im Eiltempo aufgegriffenen und gekappten Handlungsfäden keine Zeit, zumal Mei Kayama zwar authentisch gecastet, doch schauspielerisch sichtlich überfordert ist. Ähnlich geht es dem Publikum, das vor der grenzenlosen Naivität längst kapituliert hat. 

In ihr wohlmeinendes Spielfilmdebüt stopft Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Hikari mehr als genug Material für eine Handvoll Filme. Gerade deswegen reicht es am Ende nichtmal für eine konsistente Story. Noch verlorener als die Filmemacherin wirkt die Hauptdarstellerin. Toll, dass hier eine tatsächlich gehandicapte Person besetzt wurde; nur nützt das bei mangelnder Schauspielfähigkeit wenig. Glaubhaft scheint an dem unebenen Coming-of-Age-Drama mit einer Portion Rom-Com und Family-Soap einzig der Gutwille.

  • OT: 37 Seconds
  • Regie: Hikari 
  • Drehbuch: Hikari
  • Produktionsland: Japan 
  • Jahr: 2019
  • Laufzeit: 115 min. 
  • Cast: Mei Kayama, Misuzu Kanno, Makiko Watanabe, Shunsuke Daitō, Yuka Itaya
  • Beitragsbild © Berlinale
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