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Berlinale ’19: „Cleo“ ist „Amelie“ und „Adele Blanc-Sec“ für Arme

Berlinale ’19: „Cleo“ ist „Amelie“ und „Adele Blanc-Sec“ für Arme

Etwas Zeitreise ist Erik Schmitts Langfilmdebüt tatsächlich. Allerdings geht die nicht zu einem signifikanten Moment deutscher Hauptstadtgeschichte, die der ambitiöse Mix aus Abenteuer, Romanze und Schulexkursion vorgeblich erkunden will, sondern bloß zu einer lukrativen Leinwandschnulze. Zum Glück der Produzenten ist das Zielpublikum zu jung für traumatische Erinnerungen an Die fabelhafte Welt der Amelie. Davon basteln der Regisseur und Co-Drehbuchautorin Stefanie Ren einen armseligen Abklatsch, der sich zudem reichlich bei Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec bedient. Aber Geschichtsforschung ging ja schon immer einher mit Plünderung und Fabulieren, das wissen die Zwei sicher, wenn sie Heinrich Schliemann zur Berliner Forscherikone erklären.

Männer verewigen sich zu Ikonen der Stadtgeschichte als Forscher und Entdecker, Frauen als Stripperin oder bestenfalls Schauspielerin. Zwar lebten in Berlin Lise Meitner, Hedwig Dohm und Merkt Oppenheim, aber denen fehlt eben der Wiedererkennungswert einer Marlene Dietrich. Letzte stammt immerhin aus der Stadt, im Gegensatz zu Einstein und Schliemann. Die qualifizieren sich zu Cameos nicht durch historische Leistungen, sondern Bekanntheitsgrad. Über null rangieren nur vier Namen. Deren Träger belagern als Stadtgeister Cleo (Marleen Lohse) seit ihrer Kindheit, was einmal traumatisch ausgeht. Ein bisschen wie The Sixth Sense inklusive Stadtführung. Die dient jedoch nur als Staffage für Cellos Liebelei mit Paul (Jeremy Mockridge).

Warum statt Kindern ein sich anstrengend kindisches Erwachsenenpärchen ohne einen Funken Chemie im Mittelpunkt steht, bleibt ominös. Ebenso die fragwürdige, höchst reduktive Definition bedeutender Berliner Persönlichkeiten. Mehr Lokalprominenz sind die Bankräuber-Brüder Sass, weshalb Cleo als Orientierungshilfe die Einleitung deren Wikipedia-Artikels vorträgt. Ganoven-Streiche gelten hier als prägender als irgendein anderes Ereignis der über 700-jährigen Stadtgeschichte. Der vorgebliche Bildungsauftrag der Filmproduktion liegt auf Niveau der BILD-Zeitung. Ist ja auch Berlin, nur eine der hässlichen Seiten. Von denen sieht man praktisch nichts, als lägen in Berlin Blindgänger bloß als Requisiten schlechter Filme, wie das verworrene Kommerz-Kinderkino einer ist.

Mit seiner unentschiedenen Mischung aus Historienlektüre, Familiendrama, Rom-Com und Großstadtabenteuer gleicht Erik Schmitts seichtes Spielfilmdebüt mehr einer Fließbandkomödie für Erwachsene als einen kindergerechten Blick auf die Stadtbiografie. Über die Geschichte Berlins weiß man am Ende nur, was sowieso jeder schon wusste – da war mal was mit Mauerfall – und was keiner wissen wollte. Das einzige authentische Element der mit nervigen visuellen Spielereien und Knallchargen-Figuren belasteten Kopie der Erfolgsrezepte von „Amelie“ und „Adele“ wird damit verschwendet wie so viele Gelder der Berliner Senatsverwaltung.

  • OT: Cleo
  • Regie: Erik Schmitt
  • Drehbuch: Stefanie Ren, Erik Schmitt
  • Produktionsland: Deutschland
  • Jahr: 2019
  • Laufzeit: 99 min. 
  • Cast: Marleen Lohse, Max Mauff, Max Befort, Andrea Sawatzki, Ben Münchow, Fabian Busch, Jeremy Mockridge, Anna Böttcher, Heiko Pinkowski, Canan Samadi, Amy Benkenstein, Peter Meinhardt, Jean Pütz
  • Beitragsbild © Berlinale / Neue Visionen
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