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Berlinale ’18: Other Voices, Other Rooms determine the spooky-sad „Our House“

Berlinale ’18: Other Voices, Other Rooms determine the spooky-sad „Our House“

Was, wenn unser Kosmos ein Vexierbild ist? Was, wenn unsere Realität nur eine von vielen ist und ein schon ein leichtes Kippen der Perspektive unsere Augen für eine andere Welt öffnen könnte? Ist das Sein auf jener anderen Seite das, was wir Geistergeschichten nennen? Oder ist die andere Welt die Wirklichkeit und die Geister sind wir? Um diese Gedankenspiel kreist Yui Kiyoharas sanftes Spukmärchen, das die Grenzen zwischen Genres ebenso spielerisch überschreitet wie seine Figuren die zwischen ihrem Dasein und dem der anderen. Beide überschneiden sich in dem Titelschauplatz, dessen Geheimnisse sich mit jeder neuen Bewohnerin vertiefen. Orte besitzen in den zwei kunstvoll verwobenen Handlungssträngen eine greifbare Konstanz. Das kleine Haus in einem unbenannten Küstenort wird so zur Schatztruhe menschlicher Schicksale.

Diese kulturübergreifend tief verwurzelte Vorstellung, dass ein spiritueller Teil verstorbener oder verschwundener Menschen an Plätzen und in Gegenständen präsent ist, durchdringt den Plot auf vielfache Weise. Ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit errichtet sich Sana (Mariwo Osawa) ihre Identität aus gefundenen Dingen und den Assoziationen von Zufallsbekanntschaften. Eine solche ist die undurchsichtige Toko (Mei Fujiwara). Sie nimmt Sana in das spärlich eingerichtete Häuschen, das einmal ein gemütliches Familienheim war oder vielleicht noch ist. Die Regisseurin verzichtet in ihrer selbstverfassten Story bewusst auf jede chronologische oder kontextuelle Trennung, die eine klare Einordnung des Geschehens in Kategorien wie Gegenwart / Vergangenheit, Wachsein / Traum oder Diesseits / Jenseits erlauben würden. Ihr Werk ist ein leise wehmütoges Gedicht, fasziniert von der Ungewissheit jeder sensitiven Wahrnehmung.

Die junge Seri (Nodoka Kawanishi), die mit ihrer verwitweten Mutter Kiriko (Yukiko Yasuno) in dem Haus ihren lebt, ahnt als erste die Anwesenheit dessen anderer Bewohner. Nach dem Erlebnis hängt sie noch inniger an den alten Erbstücken ihres Vaters, die Kiriko ausrangieren möchte. Der einfühlsam ausgesponnene Konflikt, der sich schließlich in einer Szene wunderbaren magischen Realismus löst, macht die melancholische Komposition zu einem der besten Kinderfilm dieser Berlinale, auch wenn Kiyoharas zweiter Spielfilm statt in der Jugend-Sektion Generation im Forum läuft. Mit einem Minimum an dramatischer Entwicklung und einer absorbierenden Atmosphäre verwischt das poetische Kleinod die Grenze zwischen Imagination und Kognition. Das verbindende Element der scheinbaren Gegensätze ist das Bewusstsein, an dem alle Charaktere gewinnen – für sich selbst und das andere.

Gespenstergeschichte, Coming-of-Age-Story, Mystery-Film und Romanze verschmelzen in einer traumwandlerischen filmischen Symphonie. Yui Kiyohara untermalt unscheinbare, doch prägende Schlüsselmomente im Leben ihrer Figuren mit eine geisterhaften Stimmung, die weder drückend, noch bedrohlich ist. Die Parallelhandlungen fließen mit sanfter Harmonie und schlichter Melodik ineinander, wie die Themen der als dramaturgische Inspiration dienende Fuge Johann Sebastians Bachs. 

  • OT: Watashitachi no ie
  • Regie: Yui Kiyohara
  • Drehbuch: Yui Kiyohara
  • Produktionsland: Japan
  • Jahr: 2017
  • Laufzeit: 80 min.
  • Cast: Nodoka Kawanishi, Yukiko Yasuno, Mariwo Osawa, Mei Fujiwara, Masanori Kikuzawa
  • Beitragsbild © Berlinale
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