#movie #review #cinema #critic #film #festival

Berlinale ’12: Volker Schlöndorffs „Das Meer am Morgen“ suhlt sich in seichten Untiefen

Berlinale ’12: Volker Schlöndorffs „Das Meer am Morgen“ suhlt sich in seichten Untiefen

Auf der Berlinale gibt es immer wieder Filme die lang gehegte Fragen beantworten. Ein solcher ist die deutsch-französische Co-Produktion aus dem Panorama und die Frage: Kann Volker Schlöndorff noch Filme machen? Antwort: Ja. Was für welche, zeigt die Verknüpfung dreier Biografien, die jede Stoff für ein eigenes Drama geboten hätte. Vom großen Kino ist das Geschichtsmelodram weit entfernt, selbst noch vom Kleinen Fernsehspiel. Das Werk, dessen Titel der 17-jährige Hauptcharakter (Leo Paul Salmain) schwärmerisch als Das Meer am Morgen übersetzt, ist eher ein Fall für Berlinale Special – aka „Mülleimer der Berlinale“.

Nachdem 1941 in Nantes ein deutscher Offizier auf der Straße niedergeschossen wird, sollen aus Rache und zur Einschüchterung französischer Widerstandskämpfer von den faschistischen Besatzern 150 Geiseln erschossen werden. „So gewinnen wir nicht das Herz der Franzosen“, erkennt haarscharf General Stülpnagel (André Jung), der ahnt, dass solche Aktionen einen später auf der Kinoleinwand eines Festivals mies dastehen lassen. „Die Leute in der SS haben einfach keinen Sinn für Geschichte.“ Filmischer fehlt der Regisseur und Drehbuchautor Schlöndorff, der nicht nur für Stülpnagels Zwickmühle überreichlich Empathie aufbringt. Ein Musterbeispiel für die netten Nazi-Besatzer, die nur „der Uniform die Treue halten“, ist Ernst Jünger (Ulrich Matthes). Der hadert mit der Aufgabe, eine Liste der zu Erschießenden zu erstellen, und wird von Stülpnagel gebeten, einen Aufsatz über die Geschehnisse zu verfassen: „Etwas Historiographisches. Nach Ihrer Facon.“ 

Historische Stoffe kommen eben gut. Das weiß Schlöndorff, der seine hehren Ambitionen aufs Plakativste in der ungelenken Inszenierung ausbreitet. Widerstandskämpfer Guy Moquet, der für das Verteilen von Protest-Flugblätter ins Pariser Internierungslager gesperrt wurde, kreuzt Schicksalswege mit dem jungen Heinrich (Jacob Matschenz), der zum Erschießungskommando geordert wird. Die Befehle, die der Offizier dem zweifelnden Soldaten ins Gesicht schreit, scheinen narrative Selbstkritik: „Hier ist Schluss mit Nachdenken! Schluss mit der Intelligenz!“ Freie Bahn für Melodramatik, Moralappell und Unwahrscheinlichkeiten. Im Lager amüsieren sich Guy und seine Mithäftlinge beim Boxen und Flirten mit weiblichen Besucherinnen so gut, dass der vorbeiziehende Heinrich neidisch zum Zaun schielt. Schön ist es interniert zu sein! In einer schäbigen Baracke erwartet die Partisanen ein funktionierendes Radio und 1934er Riesling. 

Wohl ein besserer Jahrgang als der des Panorama-Programms mit diesem hanebüchenen Historienspiel. „Fehlen nur noch die Mädchen“, bemerkt ein Widerständler. Damit das Publikum diesen Mangel nicht raff, hat Guy eine Odette, der er einen rührseligen Abschiedsbrief schreibt. Auszüge werden aus dem Off in aller Ausführlichkeit zitiert, wenn es schließlich zur Exekution geht. So hört man herzzerreißendes Bedauern wie „Wir werden nie wieder zusammen Champignons sammeln gehen“ und Krabbelgruppenreime wie „Welcher Schmerz für dein Kinderherz.“ Guy sei der Allerjüngste, heißt es, aber er will sich nicht vor der Exekution drücken, sondern ruft „Courage!“. Die braucht es für das larmoyante Finale , und dies nicht, weil die tatsachenbasierten Ereignisse so dramatisch dargestellt wären. Übergeh man das winzige Detail, dass die Nazis hier Geiseln ermorden (und überhaupt, widerliche Nazis sind), gehen sie aus der Schlöndorff’schen Perspektive als tragische Helden durch. 

Courage bzw teutonischen Mut spricht gar der Lageraufseher den Todeskandidaten zu, denen er versichert: „Im Namen Frankreichs bedaure ich das zutiefst.“ Dumm gelaufen. Bedauern empfinden auch die Zuschauer_inne, allerdings mehr über die vertane Zeit als für die Reißbrett-Charaktere. Die Festivalpräsenz des filmischen Missgriffs beschreibt treffend ein Dialog-Kommentar: „Ihre bloße Anwesenheit hier ist eine Schande.

  • OT: La mer à l’aube
  • Regie: Volker Schlöndorff
  • Drehbuch: Volker Schlöndorff
  • Produktionsland: Frankreich, Deutschland
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 90 min.
  • Cast: Léo Paul Salmain, Marc Barbé, Ulrich Matthes, Jean-Marc Roulot, Sébastien Accart, Martin Loizillon, Jacob Matschenz, Philippe Résimont, Charlie Nelson, Harald Schrott, Konstantin Frolov, Christopher Buchholz, Gilles Arbona, Arnaud Simon, Luc Florian, Thomas Arnold, Jean-Pierre Darroussin, Arielle Dombasle, André Jung, Victoire Du Bois
  • Beitragsbild © Berlinale