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Berlinale ’12: „Lost in Paradise“ warnt vor Hot Boys in Ho-Chi-Minh-Stadt

Berlinale ’12: „Lost in Paradise“ warnt vor Hot Boys in Ho-Chi-Minh-Stadt

Du siehst aus wie ein heißer Typ. Es gibt nichts, worüber du dir Sorgen machen musst“ Derjenige, der Khoi (Ho Vinh Khoa) den tumben Spruch serviert, muss es wissen, denn er ist selbst ein Hot Boy. Das findet jedenfalls scheinbar Regisseur Ngoc Dang Vu, der die plumpe Anmache gleich seinem abstrusen Krimikitsch erhebt. Der internationale Titel ist gnädig kürzer und ausnahmsweises passender. Nicht nur dem jungen Protagonisten mangelt es an Fokus, Plan und (implizit moralischer) Einsicht, sondern ebenso dem Regisseur. Der setzt Unfähigkeit gleich mit Unschuld, was seinen Panorama-Beitrag maximal unschuldig macht. Trotz dessen angesichts der querfeindlichen Message auffälligen Ambition möglichst viele Hot Boys abzubilden. 

Noch einer ist Dong (Linh Son), der Khoi in sein Apartment zu seinen Katzen und Hot-Boy-Partner Lam (Luong Manh Hai) einlädt, um ihn anschießend auszurauben. „Saigon ist kein so leichter Lebensort, wie er dachte“, erklärt Vu dem Publikum, „Hier kümmert sich keiner um den anderen.“ Sollte das Paradies etwa gar keines sein? Zum Glück klärt Vu den Schul- äh Kinosaal auf, vorzugsweise in Frontaldialogen. Alternativ etabliert eine ausführliche Folge inhaltlich identischer Szenen einen Umstand. Stilistisch passend liefern gefühlt fünf Minuten kitschiger Keyboard-Töne den gesamten Soundtrack, ausgenommen eine schwülstige Pop-Song, der jede der zahllosen Rührszenen noch rührseliger macht. Der Presslufthammer auf der Tränendrüse verfehlt nicht seine Wirkung, wenigstens bei den Figuren. 

Die heulen Sturzbäche, wenn jemand gemein, zärtlich oder kühl reagiert und oder sie in Buch lesen. Schlüpft ein flauschiges Entenküken, das der mental gehandicapte Nebencharakter Cuoi (Hieu Hien) selbst ausgebrütet hat: Niagarafälle. Von da an ist das Drama das des zahmen Kükens. Es schläft auf Cuois Brust, bis es eines Tages andere Enten sieht und Cuoi es schweren Herzens ziehen lässt. Ein neu gekauftes Küken kann das Geliebte nicht ersetzen. Khoi indes ist nur Trostpflaster für den verlassenen Lam, mit dem er einer der Katzen ein Hütchen aufsetzt. Sieht putzig aus, aber nicht so putzig wie das Entchen, das  – Spoiler!!! – zurück in Cuois Arme watschelt. Botschaft angekommen? Harmlose Außenseiter wie Cuoi brüten Entenküken aus, kriminelle Außenseiter wie Dong, Lam und Khoi sittliche Korruption. 

Homosexuelle Beziehungen sind destruktiv, kriminell und zum Scheitern verdammt, lautet die Message, die natürlich ausformuliert wird: „Wir leben in einem Alptraum, einer persönlichen Hölle, die wir selbst geschaffen haben“, reüssiert Khoi, bevor er der als solche deklarierten „Realität schwulen Lebens“ entsagt, und laut einer Textkarte „in sein Heimatdorf zurückgekehrt und fleißig für sein Universitätsexamen lernt“. Das Publikum darf aufatmen mit dem Wissen, dass die Szene-Gegend mit den Hot Boys „gesäubert wurde und dort ein Einkaufszentrum steht“ und Cuoi am gleichen Ort lebt. Happy Entchen. 

  • OT: Hot Boy Noi Loan va Cau Chuyen ve Thang Cuoi, Co Gai Diem va Con Vit 
  • Regie: Ngoc Dang Vu
  • Drehbuch: Ngoc Dang Vu, Manh Hai Luong
  • Produktionsland: Vietnam
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 97 min. 
  • Cast: Luong Manh Hai, Ho Vinh Khoa, Linh Son, Phuong Thanh, Hieu Hien
  • Beitragsbild © Berlinale