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Berlinale ’12: „Francine“ zeigt die seelische Gefangenschaft nach der Haft

Berlinale ’12: „Francine“ zeigt die seelische Gefangenschaft nach der Haft

Der verschnörkelte Titelschriftzug des Namens scheint verkehrt für die abgekämpfte Erscheinung, um die Melanie Shatzkys und Brian M. Cassidy ihr investigatives Sozialporträt konstruieren. Die filigranen Buchstaben sind einer der subtilen Verweise, mit denen das Regie-Duo ihr naturalistisches Spielfilmdebüt untermauert. Grobkörnige Handkamera-Szenen werden zu verräterischen Seelenbildern, aus denen die Ambivalenz der Titelfigur spricht. Für die von Melissa Leo mit beeindruckender Nuanciertheit und Körperlichkeit dargestellte Strafgefangene ist die zurückerlangte Freiheit nach einer langjährigen Haft ein neuer Käfig . 

Die Ignoranz und Bigotterie eines trügerisch harmonischen Umfelds verkündet der penetrant fröhliche Country-Song auf der Fahrt zu Francines neuem Heim. Dort warten Blümchenvorhänge, Blümchenmatratze, Blümchenbilder auf die verlebte Frau, die bei einem Spaziergang von einer Heavy-Metall-Amateurband angezogen wird. Der Soundtrack steht in dem ungeschliffenen Independent-Film ebenbürtig neben den kargen Dialogen. In dem White-Trash-Kaff zeigt sich Elend weniger in provinziellem Verfall als in psychischer Verwahrlosung und Isolation. Oberflächliche Warmherzigkeit enthüllt sich hier als Egoismus. Die Avancen des trockenen Alkoholikers Ned (Keith Leonard) entspringen lediglich seiner eigenen Zuwendungsgier. Der Besitzer der Zoohandlung, in der Francine Arbeit findet, entlässt sie mit der unpersönlichen Freundlichkeit, mit der sie einstellt. 

Die Haustiere in dem Zoo-Laden sind wie Francine Gefangene, welche ihre dumpfen Mitmenschen nicht als solche erkennen. Getrieben von Überidentifikation und emotionaler Leere, kompensiert die Hauptfigur ihr Kontaktdefizit mit pathologischer Tierfürsorge. Erst stiehlt sie Futter aus der Zoohandlung, dann einen Welpen, der bald mit einem Dutzend anderer Tiere bei ihr haust. Die Ex-Strafgefangene wird als Hoarderin zur Wärterin ihres eigenen Miniaturgefängnisses. Das Leid ihrer Gefangenen ignoriert und verleugnet sie, wie Francines Umwelt gewohnheitsmäßig die Augen vor ihrer sukzessiven Deterioration verschließt. Das Low-Budget-Porträt vereint effektiv Charakter- und Milieustudie zu einer lakonischen Gesellschaftsskizze. Die Auslieferung des Individuums an eine Gemeinschaft, die Regeln aufstellt, aber Verantwortung ablehnt, ist ebenso bittere Ironie wie der finale Befreiungsakt. 

  • OT: Francine
  • Regie: Brian M. Cassidy, Melanie Shatzky
  • Drehbuch: Brian M. Cassidy, Melanie Shatzky
  • Produktionsland: USA, Kanada
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 74 min.
  • Cast: Melissa Leo, Victoria Charkut, Dave Clark, Laurent Rejto, Barbara Sebring-Forman, Keith Leonard, Jonathan Shatzky
  • Beitragsbild © Berlinale