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Berlinale ’11: „!Women Art Revolution“ verwechselt polemisches Pamphlet mit transparenter Doku

Berlinale ’11: „!Women Art Revolution“ verwechselt polemisches Pamphlet mit transparenter Doku

Nenne drei Künstlerinnen! – Käthe Kollwitz, Lee Krasner, Helen Frankenthaler. Frida Kahlo, Tamara de Lempicka, Camille Claude. Yoko Ono, Clara Peeters, Artemisia Gentileschi … Gut, aber so einfach ist die Aufgabe nicht gemeint, die Lynn Hershmann-Leeson dem Publikum stellt. Drei moderne Künstlerinnen! – Louise Bourgeois, Kiki Smith, Niki De Saint Phalle. 

Na gut, das war wieder einfach. Aber jetzt kommt es: Drei moderne Künstlerinnen und zwar feministische! Keine Ahnung, weil das sowohl von der Selbstdefinition der Künstlerinnen, der historischen Evaluierung ihres Werkes sowie der individuellen Definition von Feminismus der Fragestellerin abhängt? Der Regisseurin jedenfalls genügt das rhetorische Fragespielchen als (Selbst)Bestätigung der Unterdrückung und systematischen Verdrängung feministischer Künstlerinnen. Über vier Jahrzehnte arbeitete die Experimentalfilmerin an ihrer holprigen Doku. Herausgekommen ist die Wiederholung eines weitläufig bekannten Fakts, der so oberflächlich, polemisch und fadenscheinig hergeleitet wird, dass es Gegnern einer gleichberechtigten, offenen, vielfältigen Kunstszene in die Hand spielt. 

Geschichte, Gegenwart und angekündigte Secret History der feministischen Kunstszene interessieren die Filmemacherin augenscheinlich kaum. Jeder Definitionsansatz des Begriffs „feministische Kunst“ fehlt, eine geschichtliche oder politische Einordnung ebenso. Unterschiedliche Positionen verschiedener Künstlerinnen und Kontroversen innerhalb der weiblichen Kunstszene werden nicht thematisiert. Die Inszenierung suggeriert eine homogene Gruppe, ohne diese je klar darzustellen. Zusammenhänge zwischen der Unterrepräsentation bestimmter künstlerischer Gruppen, deren historischer Diskriminierung und gegenwärtiger sozialer Benachteiligung, sowie der Auswirkung beider Aspekte auf das künstlerische Schaffen werden ebenfalls ignoriert. Gegenpositionen – sofern sie auftauchen – werden pauschal abgetan. 

Das Ausrufezeichen im Filmtitel steht zu Recht an erster Stelle. Es geht um Schlachtrufe, nicht die sachliche Analyse eines Kunstbetriebes, in dessen historisch gewachsenem Machtgefüge sich Misogynie, Rassismus, Klassizismus und Elitarismus verzahnen. Wichtiger als politische Positionen ist, möglichst laut etwas zu verkünden. Dieses Desinteresse ist umso ärgerlicher, da Information über das lediglich als Aufhänger dienende Thema dringend nötig wäre – Hershmann-Leeson selbst ist ein guter Beweis dafür. 

  • OT: !Women Art Revolution – A Secret History 
  • Regie: Lynn Hershman-Leeson
  • Drehbuch: Lynn Hershman-Leeson
  • Produktionsland: Kanada
  • Jahr: 2010
  • Laufzeit: 83 min. 
  • Cast: Guerilla Girls, Faith Wilding, Miriam Shapiro, Judy Chicago, B. Ruby Rich, Amelia Jones, Martha Wilson, Miranda July
  • Beitragsbild © Berlinale
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