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Berlinale ’11: Werner Herzog führt in „Die Höhle der vergessenen Träume“

Berlinale ’11: Werner Herzog führt in „Die Höhle der vergessenen Träume“

Jahrtausendealt sind die unsichtbaren Augen der Steinzeitmenschen, welche die Wandmalereien der Chauvet-Höhle schufen; kindlich im Vergleich zu diesem Alter ist das filmische Auge, das die ältesten bekannten Bilddokumente der Menschheitsgeschichte dreidimensional auf die Leinwand erhebt.

Die Künstler_innen bleiben anonym. Niemand weiß wer sie waren, woran sie dachten, als sie die Wunder der Höhle der vergessenen Träume erschufen. Artistische und philosophische Visionen verschmelzen, wenn sich der Regisseur in die atemberaubenden Bilder vertieft und sich in deren Schöpfer_innen hineinversetzt. Caspar David Friedrichs Romantik oder Wagnerische Pompösität erahnt sein Hintergrundkommentar in den Wäldern des Ardeche-Tals, wo verborgen von der Natur eine noch faszinierendere Schönheit ruht. Kristalle glitzern in der von phantastischen Tropfsteingebilden durchwachsenen Schatzkammer, deren Boden ein großflächiges Ornament konservierter Fußspuren und Tierknochen schmückt. Das Mysterium indes verbirgt sich im hinteren Teil der 1994 vom Forscherteams des Expeditionsleiters Jean-Marie Chauvet entdeckten Grotte.

Es war eine Erleichterung wieder an der Oberfläche zu sein.

Werner Herzog

In der nach ihrer Versiegelung durch Steinschlag „perfekten Zeitkapsel“ liegt der Ruß urzeitlicher Fackeln über dem Weg, den Herzog und Kameramann Peter Zeitlinger auf einem schmalen Metallsteg beschreiten. Jeden Stalaktiten machen sich die Windungen des Laufstegs Untertan, den das mit Kaltlichtlampen und hochtechnologischer Kameraausrüstung ausgestattete Filmteam nicht verlassen darf. Die Mitgliederzahl der Exkursion ist so streng überwacht wie die Arbeiten der Filmcrew. Die fesselnde Doku verwehrt viel, doch bietet mehr als Auge und Geist aufnehmen können. Wildpferde, Eiszeit-Löwen, Höhlenbären und rätselhafte Geschöpfe evozieren parallel zur künstlerischen Idee einen regen Geistes.

Erinnerungen an längst vergessene Träume„, sinniert der Regisseur und Erzähler in seiner Meditation über die Schnittpunkte von Realität, Imagination und Intellekt die bis zu 35.000 Jahre alten Gemälde, klar konturiert und lebendig. „Urzeit-Kino“ ersteht aus den im Lichtschein beweglich erscheinenden Tierkörpern, deren Dynamik zum symphonischen Soundtrack aus anderweltlichen Klängen und klassischer Musik einen prähistorischen Zeichentrickfilm andeutet. Die Geburtsstunde der Kunstgeschichte markieren die paläolithischen Wandzeichnungen nicht als „langsame Entwicklung, sondern einen plötzlichen explosiven Ausbruch“, dessen Intensität fasziniert und erschreckt.

Herzogs Abstieg in die Chauvet-Höhle, die er konzeptuell zum Symbol für das kollektive menschliche Unterbewusste sublimiert, ist der erste und womöglich letzte, der einem Filmteam gewährt wurde. Bevor der Abspann beginnt, wandert die Kamera zu einem anderen Monument der Zivilisation am Rhone-Ufer. Das rund 30 Kilometer entfernte Kernkraftwerk erhitzt mit seinen Abwässern eine künstliche Biosphäre, in der Alligatoren angesiedelt sind. Gleich amphibischen Gespenstern gleiten durch die Strahlenbelastung verursachte Albinos unter ihnen durch das Brackwasser.

Die zeichnerischen Tierformen stellt Herzog der missgestalteten Tierform gegenüber, beide von Menschenhand geschaffen: „Wovon träumen sie, wenn sie die Höhle erreichen?“ Von den Löwen, die der ehemalige Zirkuskünstler Tosello nach dem Höhlenbesuch im Traum sah? Von elektronischen Schafen und Albino-Werner-Herzogs? Den Traum vom Visionären des menschlichen Geistes und den Alptraum seiner Hybris?

  • OT: Cave of Forgotten Dreams
  • Regie: Werner Herzog
  • Drehbuch: Werner Herzog
  • Produktionsland: USA, Kanada, Frankreich, UK, Deutschland
  • Jahr: 2010
  • Laufzeit: 90 min.
  • Cast: Dominique Baffier, Jean Clottes, Carole Fritz, Jean-Michel Geneste, Michel Philippe, Julien Monney, Wulf Hein, Maria Malina, Maurice Maurin, Werner Herzog
  • Kinostart: 03.11.2011
  • Beitragsbild © Ascot Elite