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Berlinale ’11: „Kampf der Königinnen“ amüsiert sich über Brauchtum auf Kosten von Tierwohl

Berlinale ’11: „Kampf der Königinnen“ amüsiert sich über Brauchtum auf Kosten von Tierwohl

Gelassen blicken die Hauptdarstellerinnen in die Kamera. Lampenfieber und Konkurrenzneid ist Dominga, Shakira, Melancholie und den anderen Protagonistinnen, die in Nicholas Steiner Reportage gegeneinander antreten, fremd. Anspannung und Angst hingegen sind mitunter fast greifbar, doch nur knapp außerhalb des Bildrahmens, wohin der Regisseur sie geflissentlich verbannt. Der enorme Stress, den das kuriose Spektakel für die Teilnehmerinnen bedeutet, wird dezidiert ausgeblendet. Die Dokumentation ist tatsächlich mehr eine wohlwollende Werbeschau. Objektivität und Umsicht opfert sie zweifelhaftem Unterhaltungswert. 

Wie bei jeder Schönheitskonkurrenz ist der oberflächliche Eindruck, die Konkurrentinnen würden verwöhnt und geschont, ein trügerischer. Die Friedfertigkeit der Kühe verbirgt allzu leicht die Belastung, die Lärm, Hektik, Menschenmassen und Anforderungen des Wettbewerbs für sie bedeuten. Das Wohl der Tiere haben deren Besitzer_innen nur soweit im Interesse, wie es dem Sieg dient. Werden die Huftiere gegeneinander getrieben, drücken ihre Besitzer bangend die Daumen. Statt der Ringglocken läuten die Kuhglocken. Was für eine Show. Ja, was für eine unsinnige, überflüssige Prozedur ist das, bei der Kühe ohne Rücksicht auf ihre natürlichen Bedürfnisse aufeinander gehetzt und ausgestellt werden? Die duldsamen Tiere können einem Leid tun – aber offenkundig nicht den Besuchern, Veranstaltern und menschlichen Teilnehmern des Wettkampfs und noch weniger dem Regisseur.

Steiner inszeniert die Kühe und ihre Eigentümer in seiner kuriosen Heimat-Reportage als possierliche Teams, ohne je eine Frage nach Tierwohl, Haltungsbedingungen und Weiterleben der Titelkreaturen zu stellen. Sein Interesse an der Veranstaltung wirkt somit aufgesetzt. Dahinter liegt scheinbar die nüchterne Kalkulation, dass ein städtisches Kinopublikum das ländliche Event als drolliges Kuriosum belächelt und belacht. Vorgeführt werden neben den Kühen auch die Menschen, die sich hier auf zweifelhafte Weise für sie begeistern. Eine jugendliche Moped-Gang, der Radioreporter, für den die Berichterstattung über den Wettstreit der erste große Auftrag ist, und die redefreudigen Besitzer agieren unbewusst als Comic Relief in einer Inszenierung auf dem Niveau einer Reality-Show. Häme, Gleichgültigkeit und kalkulatorische Tendenzen sind da Programm. 

  • OT: Kampf der Königinnen
  • Regie: Nicolas Steiner
  • Drehbuch: Nicolas Steiner
  • Produktionsland: Deutschland, Schweiz
  • Jahr: 2010
  • Laufzeit: 70 min.
  • Beitragsbild © Berlinale