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Berlinale ’11: Frische Blumen in alten Vasen romantisiert Fernando Leon de Aranoas „Amador“

Berlinale ’11: Frische Blumen in alten Vasen romantisiert Fernando Leon de Aranoas „Amador“

Ein filmisches Puzzle in Analogie zu denen, welche der bettlägerige Titelcharakter (Celso Bugall) Tag ein, Tag aus zusammensetzt, will Fernando Leon de Aranoas Tragikomödie sein. In gewisser Weise ist die abgeschmackte Romanze dies: zusammengefügt aus vorgestanzten Versatzstücken, die ein altbackenes Standardmotiv ergeben. Die Grundkonstellation „mürrischer alter Mann & junges Mädchen“ entwickelt sich in beide der gängigen Richtungen. Die von seiner Schwiegertochter Yolanda (Sonia Almarcha) angestellte Pflegekraft Marcela (Magaly Solier) lässt mit ihrem naiven Charme das Herz des todgeweihten Amador (Celso Bugall) erblühen, er gibt ihr dafür Lebensweisheiten mit.

Dass der Regisseur und Drehbuchautor der bolivianischen Protagonistin in der Prostituierten Puri (Fanny de Castro) zumindest eine Verbündete an die Seite stellt, ändert nichts an den paternalistischen Strukturen der Handlung. Die Kraft sich aus ihrer Abhängigkeit partiell zu befreien, findet Marcela dank eines Vater-, genauer: Großvaterfigur. Amador verschafft Marcela indirekt ein Auskommen, weiß dank einer fabulierten Altmänner-Intuition von Marcelas heimlicher Schwangerschaft und versorgt sie sogar über den Tod hinaus. Und nicht nur sie ist materiell auf den Greis angewiesen. Dass alle Protagonistinnen in erster Linie finanziell an Amador gebunden sind, sieht Aranoas nicht etwa kritisch als Symptom patriarchalischer Gesellschafts- und Machtstrukturen, sondern durch einen romantischen Zerrspiegel. 

Ohne männliches Leitbild irrt eine Frau in der sentimentalen Inszenierung ohnehin ziel- und hilflos durch Welt, die Magaly Solier mit melancholischem Träumerinnenaugen betrachtet. Penetrante Allegorien unterstreichen kalkulierte Sentimentalität, die realistische Konflikte ersetzt. Schlimmer als die Tendenz zur Rührseligkeit ist der zärtlich verklärte Paternalismus, der in Amadors Fremdbestimmung über Marcelas ungeborenes Kind kulminiert. Dabei spricht er direkt zur befruchteten Eizelle, die (da XY) mehr Autorität hat als der mütterliche Ballast drumherum. Es sei kein Platz mehr in der Welt, sagt er dem Ungeborenen, doch er würde ihm seinen schenken. Na, das ist aber großzügig. Ein altersschwacher Opa attestiert einer jungen Frau durch die Blumen (hahaha) ihre ausweglose Lage, gibt ihr dann seinen Segen (ohne männlichen Segen geht nichts) und inszeniert seinen Alterstod als Heldenopfer. 

Seufz, ist das nicht herzerwärmend? Und ist es nicht wundervoll, dass Marcela dank ihres Lehrmeisters schließlich sogar den Sinn von Puzzles erfasst? Und ist es nicht rührend, dass sie für ihr zweifellos männliches Kind (Spoiler Alert) schon einen Namen weiß? Herzensgüte und Zuneigung sind in dem chauvinistischen Märchen nur merkantile Verkaufsmasche, wie das aus toten Blumen gewonnene Duftspray, mit dem Marcelas Baby-Daddy seine geklauten Rosen parfümiert: gemacht für alle, die sich zu ihrem Feingefühl gratulieren, während sie synthetische Scharade mit Natürlichkeit verwechseln.

  • Titel: Amador 
  • Regie: Fernando Leon de Aranoa
  • Drehbuch: Fernando Leon de Aranoa
  • Produktionsland: Spanien 
  • Jahr: 2010
  • Länge: 112 min.
  • Cast: Magaly Solier, Celso Bugallo, Pietro Sibille, Sonia Almarcha, Juan Alberto de Burgos, Fanny de Castro, Priscilla Delgado, Antonio Durán ‚Morris‘, Eleazar Ortiz, Raquel Pérez, Christian Sampedro, Manolo Solo
  • Kinostart: 07.06.2012
  • Beitragsbild © Alamode