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„American Mary“ dives deep into the Bizarrerie of Beauty Fetishes & drowns

„American Mary“ dives deep into the Bizarrerie of Beauty Fetishes & drowns

Die Inszenierung der Regisseurinnen und Schwestern Jen und Sylvia Soska ähnelt den Körpern, die angehende Chirurgin Mary (Katharine Isabelle) verändert. Aus Gore-Horror, Kegadoru und polemischer Sozialkritik schnipseln sie ein bizarres Midnight-Movie, dem seine anfänglichen Ambitionen genauso entgleiten wie der Titelheldin ihre Motive. Die sind zuerst monetär, was Studentin Mary in den Strip-Club des zwielichtigen Billy Barker (Antonio Cupo) bringt. Vom Klischee geht es in ein Panoptikum grotesker Körperideale. Die wollen sich zählkräftige Kund_innen mit Marys Kompetenz in plastischer Chirurgie erfüllen. 

Rasch integriert sich die (Anti)Heldin in die auf extreme Körpermodifikation fixierte Underground-Community, wo ihr Barbie-Double Ruby Realgirl (Paula Lindberg) und Betty-Boop-Lookalike Beatress (Tristan Risk) Respekt und Freundschaft entgegenbringen, und entdeckt ihre Lust an der Tätigkeit mit dem Skalpell. Zudem greift sie auch, um ihrem perversen Lehrer Dr. Grant (David Lovgren) die verdiente Strafe zu verpassen. Die Soska-Schwestern kokettieren in ihrem voyeuristischen Kuriositätenkabinett mit dem selbstgewählten Etikett der Twisted Twins. Mehr als das sozialkritische Potenzial der Story interessiert sie das zur ästhetischen Provokation. 

Marys weiblicher Klientel distanziert sich radikal von den Körperbilder, die in der Mainstream-Medienlandschaft als erstrebenswert und attraktiv etabliert sind. Dass hinter einigen Wünschen dennoch äußerer Druck steht, etwa in der Objektifizierung und Sexualisierung, der Ruby Realgirl durch physische Neutralisierung entkommen will, ist indes nur eine der inhärenten Widersprüche, die der Plot nie ergründet. Die im Boy’s Club der Universität zuerst systematisch benachteiligte, dann missbrauchte „Bloody Mary“ durchtrennt mit dem phallischen Operationsbesteck symbolisch Schnitt für Schnitt die Bande zu einer legalen Laufbahn.

Grand Guignol verdrängt schließlich gänzlich Gesellschaftskritik in der makaberen Slasher-Show, die ihren eigenen Divergenz-Anspruch unterwandert. Die hellhäutige Hauptfigur entspricht bezeichnenderweise einem konventionellen Schönheitsideal und wird routiniert aufreizend in Szene gesetzt. Das Porno-Stereotyp der sexy Krankenschwester wird oberflächlich karikiert und dabei bedient. Akzeptabel sind die abweichenden Patientinnen-Körper allein als Spektakel für das (körperlich und psychisch) „normale“ Publikum. Die Fetisch-Freak-Show verweist anklagend auf die Abgründe sozialer Norm(ativität) – und stolpert Hals über Kopf hinein. 

  • OT: American Mary
  • Regie: Sylvia Soska, Jen Soska
  • Drehbuch: Sylvia Soska, Jen Soska
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 102 min.
  • Cast: Katherine Isabelle, Antonio Cupo, Tristan Risk, Paula Lindberg, David Lovgren, Clay St. Thomas, John Emmet Tracy, Nelson Wong, Twan Holliday, Paul Anthony, Sylvia Soska, Jen Soska
  • Beitragsbild © Universal