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Altarschrein der Archaik: Berlinale Kritik zu „Retablo“

Altarschrein der Archaik: Berlinale Kritik zu „Retablo“

Der titelgebende Altaraufsatz, in dessen Fertigung folkloristisches Kunsthandwerk und christliche Ikonographie verschmelzen, dient in Alvaro Delgado Aparicios gewagtem Spielfilmdebüt zugleich als Allegorie und traurige Memorabile. Die farbenfrohen Schaukästen, deren Innenleben detailliert weltliche oder religiöse Szenen darstellen, sind Sinnbild der engen Verbindung zwischen Segundo (Junior Bejar) und seinem Vater Noé (Amiel Cayo). Mit Hingabe hilft der 14-Jährige in der kleinen Werkstatt beim Bau der Retablos, für die sein Vater weit über die Grenzen des entlegenen Bergdorfs hinaus bekannt ist. Doch die Wertschätzung der Ortsgemeinde ist nur ein possierliches Konstrukt gleich den idealisierenden Altaraufsätzen und mindestens ebenso brüchig. Ein falscher Schritt und all das mühsam errichtete liegt in Scherben: die Kunstarbeit oder die Existenz einer Familie.

Die des jugendlichen Protagonisten zeigt exemplarisch die rigiden archaischen Strukturen auf, die das Leben der Menschen bestimmen. Doch ähnlich wie der schweigsame Hauptcharakter entwickelt das Familiendrama erst spät ein Bewusstsein für die daraus resultierenden Konflikte und kritisiert gesellschaftliche Repressionen nur da, wo sie die zwei zentralen Figuren direkt negativ betreffen. Ein konkretes Verständnis für die Wechselwirkung und komplexe Symbiose von Rollenzwängen ist zu keinem Zeitpunkt erkennbar. Tatsächlich reproduziert die mit viel Pathos vorgetragene Parabel Klischees, ohne zu hinterfragen oder Alternativen aufzuzeigen. Der Mangel an Differenzierung gibt der pastoralen Tragödie eine unangenehme Ambiguität. Die Opfer sind zugleich Mitschuldige an ihrem Unglück und dem anderer, ihr Schicksal ist selbst verursacht und kommt mit dem brutalen Ende wie eine drakonische Selbstbestrafung.

Der destruktive Männlichkeitskult setzt sich indirekt in der Handlung fort. Außer Segundos verständnisloser, nörgelnder Mutter (Magaly Solier) gibt es nur eine junge Markthändlerin, über die sein Kumpel Mardonio (Mauro Chuchon) herzieht. Die obszönen Sprüche inszeniert der Regisseur und Co-Drehbuchautor als komische Auflockerung. Sexismus – ein harmloser Witz, vermittelt der Plot hier. Dabei entspringt die Misogynie dem gleichen apodiktischen Männlichkeitsbild, das sich mit aggressiver Homophobie gegen Noé und dessen komplette Familie richtet. Vom atavistischen Konzept einer männlichen Ehre, das jeden, der ihr nicht entspricht, stigmatisiert oder in den Tod treibt, distanziert sich die zähe Inszenierung nie überzeugend. Das Thema in einem chilenischen Jugendfilm überhaupt anzusprechen, mag mutig sein – aber in dieser Form nicht mutig genug.

Vor pittoresker Kulisse verfolgt die von farbenprächtigem Lokalkolorit durchwirkte Tragödie den Niedergang einer Familie, deren Oberhaupt einen unverzeihlichen Verstoß gegen ein gleichermaßen starres und grausames Moraledikt wagt. Ob gewollt oder nicht, bestätigt die Handlung das inhärente patriarchalische System statt es kritisch zu dekonstruieren. Mit den Hoffnungen der Figuren werden letztlich auch die auf eine cineastisch und inhaltlich überzeugendes Gesamtwerk begraben.

  • OT: Retablo
  • Regie: Alvaro Delgado Aparicio
  • Drehbuch: Alvaro Delgado Aparicio, Héctor Gálvez
  • Produktionsland: Peru, Deutschland, Norwegen
  • Jahr: 2017
  • Laufzeit: 101 min.
  • Cast: Magaly Solier, Amiel Cayo, Junior Bejar
  • Beitragsbild © Berlinale
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