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Aboard Bong Joon-ho’s „Snowpiercer“ class warfare is a visceral fight for the top compartment

Aboard Bong Joon-ho’s „Snowpiercer“ class warfare is a visceral fight for the top compartment

Klassengesellschaft ist mehr als ein metaphorischer Begriff in Bong Joon-hos verstörender Kinovision eines immerwährenden Winter des Missvergnügens. Aus der gleichnamigen Comic-Trilogie von Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette destilliert der koreanische Regisseur eine zugleich packende und philosophische Sozialparabel, deren autarke Erzählung die der Vorlage in ihren düsteren Schatten stellt.

„Wir müssen das richtige Gleichgewicht zwischen Chaos und Furcht, Anspannung und Schrecken halten.“, sagt der obskure Ingenieur Wilford (Ed Harris), der das Titelgefährt ersonnen hat und als gottgleicher Imperator beherrscht. „Und wenn wir das nicht haben, müssen wir es erfinden.“ Dies gelingt der komplexen Story der letzten überlebenden Menschen, die seit 17 Jahren in einem ununterbrochen fahrenden Zug einer durch missglückte Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung verursachten Eiszeit trotzen. Wie das durch den „Weißen Tod“ rasende Perpetuum Mobile besitzt der Plot eine ingeniös komponierte Eigendynamik, die ihre Energie aus stimmigen Charakteren und soziologischen Allegorien zieht. Was als postapokalyptische Schreckensvision in den Elendsquartieren der Dritten Klasse beginnt, wird mit der Revolte unter dem widerwilligen Anführer Curtis (Chris Evans) zur doppelbödigen Ideologiekritik. In zunehmend mörderischem Tempo bahnen sich Curtis, der zu ihm aufblickende Edgar (Jamie Bell), und die ihrer Kinder beraubten Rebellen Tanya (Octavia Spencer) und Andrew (Ewen Bremner) ihren Weg durch den röhrenförmigen Handlungsraum: erst zum inhaftierten Türkonstrukteur Namgoong Minsu (Song Kang-ho), dann mit seiner Hilfe zur Spitze des Zuges: „Wer den Motor kontrolliert, kontrolliert die Welt.“ 

Jedenfalls das Welt-Vehikel, das die Protagonisten in ewiger Lokomotion kennen. Die Zugspitze ist in der brutalen Spielzeugwelt die Spitze der Gesellschaft, von der Regisseur und Co-Drehbuchautor Bong anhand des Figurenensemble einen demaskierenden Mikro-Zensus erstellt. Das fahrende Schlachtfeld ist so beschränkt wie das ursprüngliche Revolutionskonzept der Aufständischen. Sie bewegen sich gleich der Maschinerie, die Schutz und Gefängnis ist, viel zu lange in festgefahrenen Bahnen, denn aus dem System gibt es kein Entkommen – entweder man erfriert oder alles kommt zum Erliegen. Die absolute Klassentrennung greift auch auf farblicher Ebene. Der Pöbel in den Frachtabteilen vegetiert in schmutzigen Grau- und Schwarztönen. Mit jedem eroberten Wagon erweitert sich die Farbpalette bis zu den Elite-Abteilen, wo samtige Polstersitze warten und buntes Sushi serviert wird. Das Zugende hingegen kennt nur schwarzes Proteingelee. Abgesandte der Ersten Klasse wirken hier grell, gleich personifizierten Warnzeichen und Verkörperung kostümierter Dekadenz. Dieser Gegensätzlichkeit des Bedrohlichen und Clownesken kumulieren in der durchtriebenen Ministerin Mason (Tilda Swinton), die den Pöbel wie eine dogmatische Schulmeisterin reglementiert. 

Wer sich nicht auf Kommando hinsetzt, wird niedergeschlagen. Wer nicht den glibberigen Pausenriegel isst, verhungert. Wer unaufgefordert den Arm hebt, dem wird er in einem exemplarischen Strafakt abgetrennt. Der Amputation der Rechte folgt die Amputation von Körperteilen. Zwar bleibt das Ausmaß der dystopischen Düsterkeit nur angedeutet, doch Curtis düsteres Geständnis kurz vor Erreichen der Lok und das Fehlen eines Viehzuchtwagens lassen ahnen, woher Wilford und seine Genossen frische Steaks beziehen. Das barbarische Regelwerk versetzt die unterjochten Passagiere in eine ausweglose Lage, in der allein die Motivation einen ethischen Unterschied macht. Entweder man gibt wie Curtis‘ Mentor Gilliam (John Hurt) Leib und Leben für einen Rest Menschenwürde oder sie wird einem gewaltsam zum niedrigsten Zweck genommen. Die Unterschicht trägt in erzwungener Weise entscheidend zum Erhalt des (Un)Gleichgewichts innerhalb des Snowpiercer bei. Die finsteren Sozialanalogien und Dialoge störten nicht nur einige Rezensenten, die sie als neo-marxistisch und zu schwarz-weiß kritisierten, sondern augenscheinlich besonders Harvey Weinstein. Der CEO der Weinstein Company plante die US-Fassung 20 Minuten gekürzt herauszubringen, angeblich aus Sorge, das US-Publikum würde den Director’s Cut nicht verstehen. 

Vermutlich fürchtete Weinstein tatsächlich, dass Publikum verstünde die Message zu gut und könnte die beißende Systemkritik missbilligen. Man zahlt sein Ticket, um sich lässig zurückzulehnen und kriegt eine Erinnerung an die, die keinen gemütlichen Platz haben? Sogar Elysium machten die Identifikation mit den geknechteten Sympathieträgern leicht, indem er die Elite als eiskalte, buchstäblich abgehobene Superreiche darstellte. In Snowpiercer hingegen leben die Erste-Klasse-Passagiere nicht in futuristischem Luxus. Sie gehen zum Zahnarzt, zum Friseur, in die Sauna oder ins Schwimmbad. Sie trinken Kaffee im Speisewagen, feiern im Clubabteil, haben Alkohol, manchmal Drogen und eine Schulausbildung für den Nachwuchs, der jubelnd lustige Lehrfilme schaut. Die in der Ersten Klasse sind uns ziemlich ähnlich. Aber, hey, warum will Bong, dass wir uns deswegen mies fühlen? Wir sind doch durch Geburtsrecht in die vordersten Wagen eingestiegen. Andere eben nicht. Wir hier vorne, die da hinten. Würden die plötzlich die grenzgebenden Abteiltüren einrennen, um auf unserem Niveau zu leben, würde das ganze System zusammenbrechen! Die Ressourcen reichen nunmal nicht für alle, also müssen wir unsere komfortable Festung abriegeln und notfalls mit Waffengewalt und Spezialpolizei verteidigen, denn wenn die aus der Dritten Klasse wollen, was wir haben, hätten wir weniger Sushi, Saunas und Schlafabteile. 

In der Comic-Vorlage grassiert die Angst, der Zug werde langsamer. Die hintersten Wagen sind nur Ballast und bremsen die Maschinerie. Was tut man da am Besten? Abkoppeln. Was als bedrohlich wahrgenommen wird, muss abgetrennt werden: ein Arm, ein Aspekt eines Filmplots, ein am Protein-Tropf hängendes Abteil. Zusätzlich sollte ein Off-Kommentar die Bilder in einen Weinstein genehmen Kontext stellen. Fast wie die manische Zugschullehrerin, die Kindern der Oberschicht darlegt, was gewisse Marksteine der vorbeirasenden Landschaft zu besagen hätten. Indoktrinierte Weltsicht ersetzt eine natürliche Beobachtungsgabe. Zu letzter ermutigt Namgoong Minsu seine Tochter Yona (Go Ah-sung), deren zeitweise wie ein loser Handlungsstrang wirkende Hellsichtigkeit schließlich maßgeblich den Subplot prägt. Konsequent eliminiert Bong am Ende jede vorgefasste Perspektive, zusammen mit konventionellen (männlichen, westlichen, autoritären) Identifikationsfiguren. Das einzige Weiße ist die Landschaft, deren unbarmherzige Kälte von Anfang an auf sozialer Ebene mit von der Partie war. Wie Tilda Swinton im Interview sagte: „Amerika und alle Welt verdient den Director’s Cut.“ 

  • OT: Seolgungnyeolcha 
  • Regie: Bong Joon-ho
  • Drehbuch: Bong Joon-ho, Benjamin Legrand, Kelly Masterson
  • Produktionsland: 
  • Jahr: 2013
  • Laufzeit: 126 min. 
  • Cast: Chris Evans, Song Kang-ho, Ed Harris, John Hurt, Tilda Swinton, Jamie Bell, Octavia Spencer, Ewen Bremner, Go Ah-sung, Alison Pill, Luke Pasqualino, Vlad Ivanov, Adnan Hasković, Emma Levie, Steve Park, Clark Middleton
  • Kinostart: 03.04.2014
  • Beitragsbild © MFA
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