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Berlinale ’19: „Stitches“ dramatisiert den systematischen Kinderraub in serbischen Krankenhäusern

Berlinale ’19: „Stitches“ dramatisiert den systematischen Kinderraub in serbischen Krankenhäusern

Alle sagen ihr, sie solle nicht wieder damit anfangen. Alle wollen, dass Ana (Snezana Bogdanovic) nach 20 Jahren endlich die Vergangenheit ruhen lässt und mit ihr das tote Kind. Es sei direkt nach der Geburt gestorben, wurde der Schneiderin damals gesagt. Die gleiche Aussage hört sie wieder und wieder, jedes Mal, wenn ein neuer Hinweis den über all die Jahre in ihr glühenden Verdacht wieder schürt: dass ihr Sohn nicht tot ist, sondern geraubt, entführt von einem Netz aus Ärzten, Krankenpersonal und Behördenangestellten, die sich am Verkauf von Babys bereichern. Es klingt nach Paranoia, derer die Protagonistin bezichtigt wird.

Doch auch ohne das „Based on a True Story“ ist bekannt, dass es keine Ist. Vor sechs Jahren machte der Fall Serbiens gestohlener Kinder international Schlagzeilen. Bis heute berichten Nachrichtenmeldungen vom fortwährenden Kampf betroffener Eltern um, wie die Protagonistin des anklagenden Tatsachendramas sagt: „Die Wahrheit“. Die perfekte Story für rührseliges Hollywoodkino, doch Miroslav Terzics ruhige Inszenierung ist deren Antithese. Seine in tristen Sepia-Tönen gehaltenen Bilder sind gefasst wie die unscheinbare Heldin, die an ihrer Überzeugung festhält. Gatte Jovan (Marko Bacovic) und die erwachsene Tochter Ivana (Jovana Stojiljkovic) sind Anas Beharrlichkeit Leid. Vor allem jedoch haben sie Angst. 

Umso mehr Beweise Ana ans Licht fördert, umso größer wird der Druck korrupter Behörden. Der heimliche Beobachterblick eines Staatsbeamten, der drohende Hinweis einer Krankenschwester auf Anas psychische Verfassung sind dezente Anzeichen des um die Protagonistin heraufziehenden Sturms. Mit den melodramatischen Fallstricken vermeidet Drehbuchautorin Elma Tataragic auch die reißerischer Enthüllungsthriller. Ihre Geschichte ist die einer stoischen Einzelkämpferin, markant verkörpert von Bogdanovic. Die präzise Wiederholungsarbeit ihres Handwerks, auf die der Titel anspielt, wird zur Allegorie ihres unablässigen Aufbegehrens – nicht nur gegen ein kriminelles System, sondern die eigene Einsamkeit und Resignation in einem Kampf, den die Zeit längst gegen sie entschieden hat. 

Basierend auf dem skandalösen Fällen von Kinderraub in serbischen Krankenhäusern entwirft Miroslav Terzic ein Figurenspiel, das seine Wirkung am Besten entfaltet, wenn es sich ganz auf die Hauptfigur konzentriert. Der Kampf gegen ein unermessliches Unrecht ist zugleich der gegen eigene Selbstzweifel. Obwohl die Inszenierung visuell zu oft in die Manierismus eines Fernsehspiels verfällt, geben das stringente Skript und überzeugende Hauptdarstellerin der aufreibenden Story mehr Realismus als ein üppiges Budget es könnte. 

  • OT: Savovi
  • Regie: Miroslav Terzic 
  • Drehbuch: Elma Tataragic 
  • Produktionsland: Serbien, Slowenien, Kroatien 
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 97 min. 
  • Cast: Snezana Bogdanovic, Marko Bacovic, Jovana Stojiljkovic, Vesna Trivalic, Dragana Varagic, Pavle Cemerikic
  • Beitragsbild © Berlinale 
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