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Berlinale ’19: „A Dog Barking At The Moon“ demaskiert das surreale Theater systematischer Repression

Berlinale ’19: „A Dog Barking At The Moon“ demaskiert das surreale Theater systematischer Repression

Der Titel von Zi Xiangs gesellschaftskritischem Spielfilmdebüt liefert nicht nur einen Ausblick auf die symbolistische Expansion der Inszenierung, sondern einen zynischen Kommentar auf das vergebliche Einfordern von Anteilnahme seitens der Protagonistin. Ihr Opfer ist eines, für das die Gesellschaft um sie herum blind ist und das sie sorgsam verborgen hält, vor anderen und schließlich sich selbst. Lange spielt die Regisseurin das Versteckspiel mit, bevor sie die Ursache der tiefen Verbitterung ihrer Hauptfigur offenbart. Von der ersten Szene an ist die ausgefeilte Struktur des Familiendramas gespickt mit Rückblenden. Sie zeigen Li Jiumei, ewig vorwurfsvolle Mutter einer erwachsenen Tochter und zanksüchtige Gattin, als verliebte Studentin. 

Ihre Zimmernachbarin erkennt, dass die Ehe mit Huang Tao der Weg in stilles Unglück ist. Aber Jumei knickt unter dem omnipräsenten Druck ein. Sie ist anfällig für Indoktrination, wie ihr Sektenglaube in der Gegenwartshandlung betont, ob esoterischer, religiöser oder staatlicher Art. Letzte sitzt am tiefsten und befiehlt ein rigides Konzept von „Familie“. Männer müssen den Familiennamen weiterführen, Frauen einen Sohn gebären, beides möglichst jung. Jumei versagt in einem unbewussten Protestakt; statt des erwarteten Sohnes bekommt sie später eine Tochter, der sie dafür ewig Vorwürfe macht. Konfrontiert mit der Lebenslüge ihres homosexuellen Mannes, wird die tragische Sadistin schließlich an ihre eigene erinnert. 

Nicht einmal da gibt es ein Entkommen aus dem Gefängnis (selbst)aufoktroyierter Konformität. Also quält sie Huang und ihre Tochter mit Vorwürfen, um ihren Kummer zu rächen und sich im geteilten Leid weniger einsam zu fühlen. Unterdessen vollzieht die Regisseurin in der Adaption magisch-realistischer Elemente Jumeis unterdrücktes Aufbegehren. Miros titelgebendes Gemälde illustriert eine Fabel, in der ein Hund den Mond ankläfft. Der Mond erwidert kalt: „Kümmert mich einen Dreck.“ Der Staatsapparat, ihr Umfeld, die Sekte sind Jumeis Mond. Ähnlich Miros Kunst, die ästhetischer Widerstand gegen bourgeoise Strukturen war, ist Zi Xiangs Rebellion lautlos, doch unmöglich zu übersehen. 

  • OT: A Dog Barking at the Moon
  • Regie: Zi Xiang
  • Drehbuch: Zi Xiang
  • Produktionsland: China, Spanien
  • Jahr: 2019
  • Laufzeit: 107 min. 
  • Cast: Renhua Na, Ji Nan, Xinyue Zhang
  • Beitragsbild © Berlinale
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