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Berlinale ’19: „A First Farewell“ zeigt Fake-Doku-Kitsch bei Generation

Berlinale ’19: „A First Farewell“ zeigt Fake-Doku-Kitsch bei Generation

Ihr beflissenes Langfilmdebüt beschreibt Wang Lina als „nicht-fiktiver Film, in dem echte Menschen ihr echtes Leben schauspielern“. Na, wer findet den logischen Fehler? Richtig, die Realität lässt sich nicht schauspielern. Entweder ist eine Aufnahme inszeniert oder sie ist es nicht. Erwachsene kennen den Unterschied (obwohl die Unterscheidung deshalb trotzdem nicht immer leicht ist). Kinder hingegen tun sich oft schwer mit der Trennung von dokumentarischer Form und filmischer Fiktion. Dieser Umstand ist nur einer der Aspekte, der die idealisierte Vision einer Kindheit im ländlichen China gerade für die Berlinale Sektion Generation fragwürdig macht.

Was sich als unverfälschte Abbildung des Landlebens in der überwiegend von Uiguren bevölkerten Region Xinjiang präsentiert, entspricht in Ästhetik und Dramaturgie eher einer clever lancierten Kombination aus politischer Propaganda und touristischer Reklame. Die malerische Landschaft schimmert in Goldtönen oder versinkt romantisch unter Schnee. In den einfachen Behausungen der Bevölkerung zeigt sich keine Spur von Mangel. Überall steht Essen bereit oder wird frisch zubereitet und großzügig verteilt. Der Fünfjahresplan wieder übererfüllt. Dass im Hintergrund patriarchalische Machtstrukturen und archaische Rollenbilder fortbestehen, wird nie thematisiert, geschweige denn kritisiert. Kinderarbeit erscheint als spaßige Alternative zur Schule.  

Augenscheinlich erfüllen hier alle ihre Pflicht frohgemut wie Hasan (Yasan Kasimu), der seine psychisch kranke Mutter (Ugulem Sugur) betreut und das Vieh versorgt. Beides zeigt der ziellose Plot gleich zu Beginn in einer exemplarisch aufdringlichen Exposition. Der kleine Hauptcharakter füttert ein Lamm, das den Niedlichkeitsfaktor hochtreibt und später unvermeidlich hochdramatisch gesucht wird. Das Tier ist offensichtlich satt, da die Einstellung wohl zum x-ten Mal gefilmt wird. Aber Yasan quält ihm die Milch rein. Die Inszenierung suggeriert, alles sei zufällig eingefangener Alltag, während das Lämmchen kotzt. Ähnlich übersättigt von falscher Lieblichkeit ist das Publikum.

Unter der Maske eines lebensnahen Kinderfilms präsentiert Wang Linas pittoreskes Drama eine verklärende Allegorie ruraler Eintracht. Bedroht wird das rückständige Idyll von verbesserter Bildung, urbanem Fortschritt und medizinischer Versorgung. Ohne die war alles wunderbar in der auf dokumentarische Wahrhaftigkeit pochenden Story, die einige Kleinigkeiten vergisst: ethnische Konflikte, religiöse Spannungen, staatliche Repressionen sowie die extreme ökologische Belastung durch die Atomtests der 90er. Da können die hölzernen Laiendarsteller noch so gehorsam ihre auswendig gelernten Texte herunterleiern, Dramatik oder Authentizität entstehen nicht.

  • OT: Di yi ci de li bie
  • Regie: Wang Lina
  • Drehbuch: Wang Lina
  • Produktionsland: China
  • Jahr: 2019
  • Laufzeit: 86 min. 
  • Cast: Isa Yasan, Kalbinur Rahmati, Moosa Yasan, Tajigul Heilmeier, Rahmati Kranmu, Yasan Kasimu, Ugulem Sugur
  • Beitragsbild © Berlinale 
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