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Berlinale ’19: „The Crossing“ lotet die sozialen & emotionalen Grenzen seiner Hauptfigur aus

Berlinale ’19: „The Crossing“ lotet die sozialen & emotionalen Grenzen seiner Hauptfigur aus

Jedes Mal, wenn die verschlossene Peipei (Huang Yao) in Bai Xues ambitionierter Coming-of-Age-Story eine essenzielle Einsicht erlangt, erstarrt das Kamerabild für eine Sekunde gemeinsam mit der Oberstufenschülerin. Die derart akzentuierten Schlüsselmomente sind der augenfälligste Makel eines vielversprechenden Debüts, das der eigene Übereifer auf Abwege führt. Ähnlich ergeht es der jungen Hauptfigur. Ihre Sehnsucht nach Zuneigung und Wertschätzung ist stets nachvollziehbar; der daraus entspringende Leichtsinn jedoch steht nicht selten im Widerspruch zum überlegten Wesen Peipeis. Ihre familiären und materiellen Defizite treiben sie über mehr Grenzen als die eine des Titels, figürlich und buchstäblich.

Dabei ereignen sich die dramatischen Entwicklungen zu einem Zeitpunkt, der selbst einen fließenden Grenzübergang markiert, nämlich den von der Kindheit zum Erwachsenenalter. Letztes ist technisch schon Realität für die 16-Jährige, die sich eigenständig um Haushalt und Teilzeitjob kümmert. Innerlich vermisst Peipei jedoch schmerzlich die Fürsorge, die ihre feierlustige Mutter überfordert und ihr physisch und emotional abwesender Vater mit Geschenken abwiegelt. Anfangs ist die Grenzüberquerung vom chinesischen Festland nach Hongkong zur Schule lediglich Teil ihrer deprimierenden Alltagsroutine. Der möchte sie auf einer Japan-Reise mit ihrer extrovertierten Freundin kurzzeitig entfliehen – aber wie ohne Geld?

Die Klassenkluft zu der Luxuswelt ihrer reichen Freundin ist eine weitere Grenze, die Peipei gewohnheitsmäßig übertritt, ohne je auf der anderen Seite ankommen zu können. Der ständige Wechsel zwischen strikt abgekanzelten Teilbereichen unterstreicht die Haltlosigkeit, die Peipei in die Arme einer gefährlichen Ersatzfamilie treibt. Für Ms. Hua (Carmen Soup) und deren Gang junger Schwarzmarkt-Lieferanten schmuggelt das unscheinbare Mädchen iPhones. Wichtiger als das schnell verdiente Geld ist das Gefühl von Zugehörigkeit, doch vor der nuancierten Erkundung einer moralisch ambivalenten Kriminalität schreckt die Regisseurin letztlich leider genauso zurück wie vor der eigenen Courage.

Unterstützt von überzeugenden Darstellerinnen inszeniert Xue Bai vor politisch und gesellschaftlich gespaltener Kulisse einen Jugendkrimi, der trotz der relevanten Story hinter den dramaturgischen Möglichkeiten zurückbleibt. Eine aufgezwungene Moral und zu viele unrealistische Wendungen sorgen dafür, dass der verwickelte Plot immer wieder in narrativen Konventionen versandet. Die sollen Spannung kreieren, wo psychologische Vertiefung der Charaktere und umfassendere Einblicke in die interkulturellen und privaten Konflikte von Hongkongs Jugend effektiver wären.

  • OT: Guo chun tian
  • Regie: Xue Bai 
  • Drehbuch: Bai Xue, Lin Meiju
  • Produktionsland: China
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 99 min. 
  • Cast: Huang Yao, Sunny Sun, Carmen Soup, Kong May Yee Elena
  • Beitragsbild © Berlinale / TIFF
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