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Monotoner Monumentalismus, heuchlerische Heroik: Damien Chazelles „First Man“

Monotoner Monumentalismus, heuchlerische Heroik: Damien Chazelles „First Man“

Die Mondlandung, die Neil Armstrong (Ryan Gosling) in stoischer Pflichterfüllung auf der IMAX-Leinwand absolviert, ist vermutlich weniger erschöpfend als Damien Chazelles pathetisches Epos über jenen patriotisch verklärten Moment. „Ein kleiner Schritt für einen Mann, ein gigantischer Sprung für die Menschheit“ Doch bevor der risikoscheue Plot dort ankommt braucht es gewaltigen Anlauf. Der führt weit zurück zu einer Familientragödie, instrumentalisiert als Sympathiegarant für einen funktionalisierten Hauptcharakter. Er ist Verkörperung und Projektionsfläche uramerikanischer Tugenden. Ein idealistischer Desperado, schweigsam, einsam, folgsam, dessen Final Frontier die Erdatmosphäre ist.

Die hinter der stilisierten Fassade pseudo-naturalistischer Handkamerabilder ermüdend konventionelle Erzählstruktur folgt dem Protagonisten auf seinen vorgezeichneten Weg zu Heldentum. Penetrant zwängt sich die Kamera zu ihm in Raumgefährte, um emotionale Verbundenheit zu suggerieren, wo psychologische Leere klafft. Tontechnische und szenenbildnerische Perfektion dienen hier keiner dramatischen Atmosphäre, sondern untermauern den Anspruch auf absolute Faktizität. Jene Art Blockbuster-Kino will keine Geschichten erzählen, sondern Geschichte neu schreiben: als Ode auf Errungenschaften weißer, westlicher, christlicher, soldatischer Männern. Nährboden dieser Erfolgsmärchen ist das Konzept subtil idealisierter reaktionärer Gesellschaftshierarchien.

Weibliche und afroamerikanische NASA-Teammitglieder erscheinen wenn überhaupt nur für Sekundenbruchteile. Verzweifelte Astronauten-Witwen, Demonstranten für Sozial- und Bürgerrechte sowie skeptische Literaten werden exemplarisch vorgeführt, um jedwede Kritik an der Millionensummen und Menschenleben kostenden Mission zu widerlegen. Dies geschieht nicht auf logischer oder philosophischer Argumentationsbasis, sondern mittels Siegerüberlegenheit: Es hat geklappt, folglich war es richtig, es um jeden Preis zu versuchen. Janet Armstrong (Claire Foy) erfüllt ihre Hausfrauen- und Mutterrolle genauso vorbehaltlos wie ihr Gatte seinen Vaterlandsdienst und Chazelle seinen selbst auferlegten Auftrag als Epitomator. 

Mit mechanischer Monotonie wechseln Privat- und Berufsszenen zwischen den Hauptschauplätzen Familienheim und NASA-Gelände. Die Teamarbeit hinter dem Projekt sowie dessen antikommunistische politische Motivation, die dem lyrischen Konstrukt des nach den Sternen strebenden Menschengemüts diametral entgegensteht, werden großteils oder gänzlich ignoriert. In bizarrem Widerspruch zu den beschworenen Aufbruchsmotiven des Biopics steht dessen nostalgischer Rekurs. Das Resultat ist handwerklich tadellose filmische Taxidermie: äußerlich betrachtet lebensecht, doch tot. Ein Prestigeprojekt augenscheinlich einzig gedreht für die Oscar-Jury, die der reaktionären Verlockung von La la Land wunderbarerweise widerstand. 

  • OT: First Man
  • Regie: Damien Chazelle
  • Drehbuch: Josh Singer, James R. Hansen
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 141 min. 
  • Cast: Claire Foy, Ryan Gosling, Pablo Schreiber, Ethan Embry, Kyle Chandler, Ciarán Hinds, Jason Clarke, Corey Stoll, Christopher Abbott, Patrick Fugit, Shea Whigham, Lukas Haas, Brian d’Arcy James, Cory Michael Smith, Perla Middleton
  • Kinostart: 11.10.2018
  • Beitragsbild © Universal 
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