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Cristina Gallegos & Ciro Guerras „Birds of Passage“ evoziert Drogenkrieg als surrealistisches Epos

Cristina Gallegos & Ciro Guerras „Birds of Passage“ evoziert Drogenkrieg als surrealistisches Epos

Die an surrealistische Gemälde erinnernden Poster zu Christina Gallegos epischem Regiedebüt sind Vorboten eines seltenen Reichtums an ästhetischer und dramaturgischer Komplexität. Mit ihrem Partner und Co-Regisseur Ciro Guerra (oscarnominiert für Embrace the Serpent) visualisiert die kolumbianische Filmemacherin eine Saga, deren anthropologische Hintergründigkeit und soziologisch Authentizität in brillantem Kontrast zum reißerischen Militarismus eines Sicario 2 steht. Die kapitelartig in Gesänge unterteilte Familientragödie wächst zur eindringlichen Allegorie des forcierten Verlust kollektiver Identität. Mystische Gleichnisse, naturalistische Darsteller und intensive Farbpsychologie kulminieren in einer imposanten Vision des Untergangs.

Das Schicksal eines angesehenen Klans der Wayuu, die zu Beginn der Jahrzehnte umspannenden Handlung Land und Kultur eisern gegen „Außenstehenden“ abgrenzen, steht stellvertretend für das der indigenen Bevölkerung. Deren Brauchtum und Ethik geben den narrativen Rahmen vor und inspirieren die packende Bildsprache der Inszenierung. Diese rezitiert mit elisabethanischer Wucht Aufstieg und Niedergang der Matriarchin Ursula (Carmiña Martínez) und ihres Schwiegersohnes Rafayet (José Acosta). Die von Ursula für ihre Tochter Zaida (Natalia Reyes) geforderte Brautgabe motiviert den Einstieg des Abkommens einer gefallenen Sippe ins Marihuana-Geschäft.

Den ersten Deal macht er noch mit Hippies des US-Friedenskorps, die das durch ihre Nachfrage gesäte Unheil weder ahnen noch ernten. Bald landen amerikanische Cessnas beladen mit kiloweise Geld, das Rafayet in den geheiligten Ahnengrabstätten versteckt, zusammen mit Kisten voller Waffen. Beides landet nur vorübergehend im Sarg – im Gegensatz zu den menschlichen Opfern, die Gier, Hybris und archaische Ehrenkodexe unweigerlich fordern. Die Titeltiere sind Totem und Symbol: Seelenvögel, Unglücksboten und Aasgeier eines unwiederbringlich verlorenen Friedens, dem die klischeeferne Verbrechenschronik ein schillerndes filmisches Epitaph setzt.

  • OT: Pájaros de Verano
  • Regie: Cristina Gallego, Ciro Guerra
  • Drehbuch: Maria Camila Arias, Jacques Toulemonde Vidal
  • Produktionsland: Kolumbien, Dänemark
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 125 min. 
  • Cast: Carmina Martínez, Natalia Reyes, José Acosta, John Narvaez, Greider Meza, José Vicente
  • Kinostart: 27.12.2018
  • Beitragsbild © MFA
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