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Sex sells – even if it’s basically non-existent as in „The Sessions“

Sex sells – even if it’s basically non-existent as in „The Sessions“

Ersatz. Klingt nicht sonderlich prickelnd, aber ein richtiger Abturner, das ist Sex-Ersatz. Der Begriff stammt aus dem Artikel des realen Mark O‘Brien über die titelgebenden Besuche, die Ben Lewins Verfilmung mit Kitsch und Biederkeit überzuckert. Ökonomische Ambivalenz wird zu emotionaler Ambiguität und die problematische Suche nach physischer Befriedigung damit des Kerndiskurses beraubt. Die komplexen Fragen um Selbstbestimmung und Respekt, sowohl auf sozialer als auch intimer Ebene, die sich in dem professionellen Verhältnis der Hauptfiguren aufdrängen, umgeht die Handlung ängstlich zugunsten unverfänglicher Romantisierung.

Dramaturgisch ist das ähnlich frustrierend wie für den nach einer Polioinfektion gelähmten Mark (John Hawkes) sein eingeschränktes Sexleben. „Mein Verlangen sexuell zu lieben und geliebt zu werden kommt meiner Isolation und meiner Furcht daraus auszubrechen gleich“, erläutert er dem Kinopublikum in einem der zahlreichen Monologe vor seinem Beichtvater Brendan (William H. Macy) abhält. Was Liberalität beweisen soll, verrät die Prüderie der verschämten Inszenierung. Das hervorragende Ensemble, allen voran Helen Hunt und Moon Bloodgood, kann weder den Mangel an Humor noch die verkappte Bigotterie ausgleichen.

Bla, bla, bla. Die gleiche alte Geschichte.

The Sessions

Im Grunde ist die Situation klar: Mark will Sex, aber kriegt keinen. Also handelt er rational und trifft eine Prostituierte. Dadurch findet er körperlich und seelisch neues Selbstbewusstsein und -wertgefühl und yeay, da winkt schon das Happy End. Doch statt neben Respekt und Verständnis für Behinderte dergleichen für Sexarbeiter einzufordern und zu Entstigmatisierung beizutragen, windet sich der in sonnigen Bildern dahinplätschernde Plot um sämtliche Konflikte. Cheryl (Helen Hunt) ist Inbegriff der Hure mit dem goldenen Herzen, nennt sich aber Spezialistin für erotische Behindertenhilfe.

Cheryls Profession scheint die eines moral-, gesetztes und kirchenkonformen Engels. Voll der Doppelmoral imaginiert die vorgeblich ach so libertäre Inszenierung die Sessions als jugendfreie, blütenreine Vorabendserien-Zweisamkeit. Das Konzept selbstbestimmter Prostitution wird negiert, verdrängt vom patriarchalischen Konstrukt einer zugleich sittsamen und sexuell benutzbaren Frau, die den Nimbus des Kunden nicht befleckt. Zitat Cheryls reales Vorbild: „Es war eine Berufung“. Abgesegnet wird der göttliche Heilauftrag durch Mark, der als allwissender Erzähler posthum quasi aus dem Himmelreich – versichert, das für alle alles gut wurde. Amen.

  • OT: The Sessions
  • Regie: Ben Lewin
  • Drehbuch: Ben Lewin
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 95 min.
  • Cast: John Hawkes, Helen Hunt, William H. Macy, Moon Bloodgood, Annika Marks, W. Earl Brown, Blake Lindsley, Adam Arkin, Ming Lo, Jennifer Kumiyama, Robin Weigert, Jarrod Bailey, Rusty Schwimmer, James Martinez, Tobias Forrest
  • Kinostart: 03.01.2013
  • Beitragsbild © Fox