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Hideo Nakata „Ringu“ hat die raffinierten Schauereffekte, die dem US-Remake fehlen

Hideo Nakata „Ringu“ hat die raffinierten Schauereffekte, die dem US-Remake fehlen

Es sei, als wäre die Furcht selbst plötzlich zum Leben erwacht, heißt es treffen in Hideo Nakatas filmischem Schauermärchen, das neben diversen Fortsetzungen ein ähnlich lukratives US-Remake anregte. Anders als Gore Verbinskis peinlich angepasste Neuauflage wird das Original dem Zitat gerecht. Die visuelle Reinkarnation des Grauens wärt nur Sekunden auf dem namenlosen Video, das die junge Reporterin Reiko (Nanako Matsushima) bei ihren Nachforschungen findet. Gemeinsam mit der skeptischen Protagonistin sieht das Publikum die Bilder, die Reikos Nichte (Yūko Takeuchi) das Leben und deren Freundin den Verstand kosteten.

Die Immersion in die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, deren Zusammenhanglosigkeit der stringente Plot als konsekutive Allegorie für Schmerz, Irrsinn und Verfall enthüllt, gelingt hier weit effektiver dank technischer Reduktion. Untermalt von Kenji Kawais suggestivem Soundtrack verknüpft der bizarre Film-im-Film die Handlung effektiv mit deren Ursprüngen im Stummfilm und klassischen Spukgeschichten. Was an eine Höllenvision aus dem Kabuki-Theater erinnert entspringt der Fantasie des Mädchens, dessen Name zum Synonym für die Ring-Saga wurde. Sadako (Rie Ino’o) ist in der ungleich subtileren Inszenierung umso bedrohlicher, da sie physisch und menschlich unfassbar bleibt.

Ihr Geist sucht während der kultigen Kulmination der aufgestauten Spannung buchstäblich die Zuschauer heim. Doch nicht Voyeurismus wird bestraft. Schweigen und implizierte Verdrängung des zentralen Konflikts besiegeln den Fluch, den eine sinnbildliche Aufarbeitung abwendet. Sadakos Familienhintergrund antizipiert die Konstellation in Reikos kaputter Familie. Tatsächlich ist Sadakos Schicksal das, wie Reiko intuitiv erkennt, ein Märchen, dessen inhärente Lehre weitergegeben werden will. Wird der Kreislauf unterbrochen, verkehrt sich die kathartische Wirkung der Überlieferung in Destruktion. Mit seiner ebenso unterhaltsamen wie atmosphärischen Horror-Parabel trägt Nakata zur Überlieferung unheimlicher Folklore bei.

  • OT: Ringu
  • Regie: Hideo Nakata
  • Drehbuch: Hiroshi Takahashi
  • Produktionsland: Japan
  • Jahr: 1998
  • Laufzeit: 95 min.
  • Cast: Nanako Matsushima, Hiroyuki Sanada, Rikiya Ōtaka, Yoichi Numata
  • Kinostart: 31.01.1998
  • Beitragsbild © Toho