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Meta-Möchtegern: „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ scheitert an sich selbst

Meta-Möchtegern: „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ scheitert an sich selbst

Ein freier, denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo das Schicksal ihn hinstößt. Das schrieb Heinrich von Kleist statuiert der ambitionierte Regieadept Lehmann (Robert Gwisdek), der des Dichters Novelle fürs Kino einfangen will. Der Geist ist willig, aber das Budget ist klein. „Ein Film in Superlativen. Helden, Schlachten, Blut und Tränen. Liebe, Hass und Krieg. Ein Epos“, wie es sich der Protagonist erdenkt, gelingt weder ihm noch dem anderen Lehmann, Aron. Dessen (Alter) Ego tritt nach dem verlorenen Kampf gegen die Produktionsförderung gegen die Grenzen der Improvisation an. Getreu der Maxime „Keine Grenzen und Einschränkungen.“

Im beschaulichen Speckbrodi finden das Team imposante Kulissen, Unterkunft, Unterstützung beim Bürgermeister und in der Bevölkerung ein eifriges Laienensemble. Star-Akteurin der Lisbeth (Rosalie Thomass) wird zur mirakulösen Muse des tollkühnen Unterfangens zwischen Heroismus und Fanatismus. Während der Darsteller (Heiko Pinkowski) für sich eine neue Ausdrucksform entdeckt, stößt der andere (Thorsten Merten) an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Der Titelstar (Jan Messutat) verabschiedet sich gleich mehrfach vom Regisseur und dessen Phantasieprojekt, erst nur verbal und letztlich persönlich. Der hat die Figur des Michael Kohlhaas eben nicht verstanden, urteilt der Leinwand-Lehmann, der sich nicht nur hinter Standardrechtfertigungen verschanzt.

„Keine Grenzen und Einschränkungen.“- Lehmann

Der Hauptcharakter des Films wird zum Hauptcharakter des Films-im-Film und übernimmt damit den Part, den er im wahren Leben als verbissener Verfechter eines diskutablen Kunstideals längst spielt. Die Meta-Meta-Ebene ist die dann der Lehmann hinter der Kamera, der Zaunpfähle und Holzhämmer schwingt. Sein Regiekommentar könnte auch vom fiktiven Filmemacher stammen. „Mein Film lebt von der Vorstellungskraft des Zuschauers und der Überzeugungskraft der Selbstverständlichkeit. Bäume sind Riesen …“ Na, welcher Lehmann hat das jetzt gesagt? Egal, noch egaler, als was der Text von Kleists, in dem nie Riesen auftauchen. Scheiß auf die Botschaft, Hauptsache, sie kommt an.

Vor lauter Selbstdarstellung und -verwirklichung vergessen beide Lehmanns die Selbstreflektion. Ein wenig davon hätte ihnen gezeigt, dass sie kleinlich-peinliche Wutbürger sind wie Kleists Anti-Held, der wacker seinen Holzweg zu Ende geht. Realismus spiele keine Rolle, heißt es. Wohl aber die Realität. Die ist ein armseliges Trauerspiel des Zuviel (Chargieren, Pseudo-Philosophieren, Agitieren und besonders Prätention) und Zuwenig (Hintersinn, Substanz, Dynamik, Atmosphäre, Spannung, Humor). „Wenn du das fühlst, ist es nicht lächerlich“, behauptet der Leinwand-Lehmann einmal. Dann hat der echte Lehmann wohl nichts gefühlt.

  • OT: Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel
  • Regie: Aron Lehmann
  • Drehbuch: Aron Lehmann
  • Produktionsland: Deutschland
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 93 min.
  • Cast: Robert Gwisdek, Jan Messutat, Thorsten Merten, Rosalie Thomass, Michael Fuith, Eckhard Greiner, Christian Lex, Luise Lähnemann, Heiko Pinkowski, Matthias Ransberger, Peter Trabner
  • Kinostart: 08.08.2013
  • Beitragsbild © MissingFilms