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„The Attack“ zerschlägt die fragile Illusion von Intimität & Integrität

„The Attack“ zerschlägt die fragile Illusion von Intimität & Integrität

Ungewissheit brütet in Ziad Doueiris bedrückender Beziehungsstudie noch quälendere Angst als die Unsicherheit, mit der sich die Figuren arrangiert zu haben glauben. Das Titelereignis zerreißt diese trügerische Geborgenheit ebenso wie den Körper von Siham (Reymonde Amsellem). „Immer, wenn ich dich verlassen muss, stirbt ein Teil von mir“, sagt sie ihrem Mann Amin (Ali Suliman) während eines Abschieds, den er nicht als absolut erkennt. Ob es Blindheit war oder Scheuklappen, die ihm die Sicht auf die Entwicklungen in seinem engsten Umfeld verwehrten, ist eine der zermürbenden Fragen in der abstrahierten Konfliktskizze.

Mit seiner Frau verliert Amin das berufliche Renommee und private Prestige, die sich der Chirurg als Musterbild eines perfekt integrierten arabischen Palästinensers aufgebaut hat. Auf dieser Seite steht er politisch, hat er seine hochgeachtete Arbeit, Freunde, sein elegantes Apartment und die perfekte Frau, der er zuflüstert: „Alles soll so bleiben, wie es ist“. Tut es natürlich nicht. Der Terror, bisher Teil des geregelten Klinikalltags wirft, verschlingt abrupt seine Welt. Er sieht Siham als Opfer, Ermittler Captain Moshe (Uri Gavriel) als „Die Attentäterin“ von Yasmina Khadras zugrunde liegendem Roman.

Doueiris dritter Spielfilm kreist um die Unmöglichkeit der Unbefangenheit und Verfänglichkeit moralischer Schuld. Amin begreift zu spät, dass er auch Position bezieht, wenn er eine Problematik ausblendet. Der verdrängte Konflikt gärt seit Langem hinter seiner makellosen Fassade. „Ist es nicht an der Zeit, dass jeder seine Meinung hinterfragt?“, antizipiert seine Preisrede die Zweifel, die unbarmherzig sein beschränktes Selbst- und Weltbild aufbrechen. Die Einsicht der parabolischen Romanze ist eben so ernüchternd wie universell. Niemand kann je das Wesen eines Menschen vollkommen kennen – sei es das eines anderen oder das eigene.

OT: L’Attentat

Regie: Ziad Doueiri

Drehbuch: Ziad Doueiri, Joelle Touma

Produktionsland: Libanon, Frankreich, Katar, Belgien

Jahr: 2012

Laufzeit: 105 min.

Cast: Ali Suliman, Evgenia Dodena, Reymond Amsalem, Dvir Benedek, Uri Gavriel, Ruba Salameh, Karim Saleh, Ramzi Makdessi, Ezra Dagan, Abdallah El Akal

Kinostart: 01.09.2012

Beitragsbild © Senator