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Sardonischer Höllenabstieg: Ben Wheatleys „Kill List“

Sardonischer Höllenabstieg: Ben Wheatleys „Kill List“

Furcht dirigiert in Ben Wheatleys polarisierendem Psychohorror von der ersten Szene an den Plot und die Protagonisten und ihre anfängliche Gestalt ist womöglich die schlimmere. Es ist der dumpfe Schrecken traumatischer Erinnerungen, die Ex-Soldat Jay (Neil Maskell) heimsuchen, Verlustsorge um seine Ehefrau Shel (MyAnna Buring) und klägliche Existenzangst vor drängenden Rechnungen. Jays bester Freund und Kriegsgefährte Gal (Michael Smiley) und dessen mysteriöse Partnerin Fiona (Emma Fryer) weisen dem unglückseligen Hauptcharakter der sardonischen Allegorie den Weg aus seiner Bedrängnis und in den Abgrund. Letzter ist keine von Jays skurrilen Auftraggebern gestellte Falle, sondern das klaffende Nichts dort, wo seine Seele sitzen sollten.

Der Anti-Held der düsteren Schauergeschichte ist kein guter Mensch, dies lässt der Regisseur und Co-Drehbuchautor frühzeitig durchblicken. Sein satirisch unterwanderter Höllenabstieg zieht seinen Grusel aus dem Ausmaß der Verkommenheit, das der Protagonist selbst verbissen verdrängt. Wie ein armseliger Nachfolger von Harry Angel kriecht Jay, dem die Tölpelhaftigkeit namentlich auf die Stirn geschrieben steht, durch das unsichtbare Spinnennetz seines Schicksals. Ihn dabei weiter blind zum Zentrum seines Verderbens vordringen zu sehen, ist zugleich von beklemmender Intensität und abgründiger Komik. Die gleich Kapitelüberschriften eingeblendeten Namen auf der titelgebenden Liste markieren die Stationen, an denen er erkennen könnte, wäre er nicht in Selbstbetrug gefangen.

Der dissonante Score und in opake Farben getauchten Handkamerabilder unterstreichen die übermächtige Atmosphäre moralischer Verworfenheit. Niemand ist in dem tristen irdischen Inferno frei von teils unaussprechlicher und unzeigbarer Schuld, die Jay und sein Auftragspartner abrechnen. Da das Beste zum Schluss kommt, spart sich die gemessene Inszenierung den Großteil der eruptiven Brutalität für das buchstäblich höllische Finale auf. Bis dahin schwillt das Crescendo des Bösen, dessen Triumph außer Frage steht. Die symbolträchtige Infektion, die sich von einem besiegelnden Einschnitt über Jays Hand ausbreitet, ist nur eines der diversen Vorzeichen auf ewige Verdammnis, angesichts der jede Hoffnung auf Erlösung nur perverse Hybris wäre.

  • OT: Kill List
  • Regie: Ben Wheatley
  • Drehbuch: Amy Jump, Ben Wheatley
  • Produktionsland: UK
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 95 min.
  • Cast: Neil Maskell, MyAnna Buring, Harry Simpson, Michael Smiley, Emma Fryer, Struan Rodger, Esme Folley, Ben Crompton, Gemma Lise Thornton, Robin Hill, Zoe Thomas, Gareth Tunley, Jamelle Ola, Mark Kempner, Damien Thomas
  • Beitragsbild © Universum