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Konservative Kinderfrau auf Kriegsfuß: „Nanny McPhee and the Big Bang“

Konservative Kinderfrau auf Kriegsfuß: „Nanny McPhee and the Big Bang“

Zeit für eine Top Drei der schlimmsten Kindermädchen aller Zeiten: Nummer Eins ist klar Mary Poppins, die ihre Schützlinge mit Musikfolter ins Gehorsam terrorisiert, gefolgt von Mrs. Doubtfire, die Bonus-Minuspunkte für Homophobie und Sexismus verbucht. Aber jedes Siegertreppchen hat drei Stufen und wer steht auf der dritten? Nanny McPhee. Nie gehört? Glück gehabt, dann ging der gleichnamige erste Familienfilm um die apodiktische Aufpasserin von 2006 unbemerkt an einem vorüber. Doch keiner entkommt der nervigen Nanny, deren Name in einer stürmischen Nacht Dreifach-Mutter Mrs. Green (Maggie Gyllenhaal) eingegeben wird. Wie im Horrorfilm, als der die Hommage an autoritäre Erziehung durchgehen könnte.

Ist Papa an der Front, hüpfen die Kinder auf dem Sofa. In dem 40er-Jahre-Setting, über dessen Erziehungsansichten die Story nie hinausdenkt, signalisiert das dringenden Bedarf nach rigorosem Durchgreifen. Regisseurin Susanna White findet kindliches Herumtoben so schrecklich, dass sie Emma Thompson auf Norman (Asa Butterfield), Megsie (Lil Woods) und Vincent (Oscar Thomas George Steer) loslässt. Der Zweite Weltkrieg macht sich schlimmstenfalls durch Limonaden-Knappheit bemerkbar. Was das ländliche Idyll tatsächlich trübt, sind spielende Kinder. Letzte soll man sehen, nicht hören und das nur arbeitend! Zwar reichten die Ambitionen nicht für glaubhaften Zeitkolorit, dafür vermittelt die Geisteshaltung des reaktionären Klamauks die Ära glaubhaft.

Der Weltkrieg ist nichts gegen den Kampf im Kinderzimmer. Bilder der verwahrlosten Farm schneidet White mit denen der Geschwister zusammen. Spielen statt Landarbeit leisten! Soweit kommt es, wenn die hochgehaltenen konservativen Werte verfallen. Kinder ohne Vater sind besondere Problemfälle, denn alleinerziehende Mütter wie Mrs. Green sind auf der Leinwand Universalversagerinnen. Ein „Rohdiamant“, wie ein Green-Kind genannt wird, muss geschliffen werden, bis er perfekt in die Gesellschaftsnorm passt und ein Schmuck seiner Eltern ist. Artige Kinder sind eine Zier: je braver die Kinder, desto ansehnlicher werden Green und McPhee. Die Bigotterie des schönen Scheins wird gelobt, ebenso die Doppelmoral der Titelfigur.

McPhee ist alles, was sie Kindern vorwirft: nachtragend, rechthaberisch und grob. Mit Magie lässt sie ihre Schutzbefohlenen sich selbst schlagen. Gewalt als Erziehungsmittel, toll. Noch toller, wenn Erwachsene sich dabei nicht die Hände schmutzig machen brauchen. Kinder mit dem Kopf gegen die Wand knallen ist außerdem viel kostengünstiger als Familientherapie. Ist danach nicht Ruhe, lässt McPhee eine Bombe vorm Haus landen. Eine Erwachsene, die es ernst meint, wenn sie sagt, gleich knallt‘s. Die auf Christianna Brands „Nurse Matilda“ basierende Fantasy-Moralmär ist die ewiggestrige Fälschung eines Kindermärchens. Mary Poppins kann ihre Biederkeit den Fünfzigern anlasten. Nanny McPhee hat keine Ausrede.

  • OT: Nanny McPhee and the Big Bang
  • Regie: Susanna White
  • Drehbuch: Emma Thompson
  • Produktionsland: UK
  • Jahr: 2010
  • Laufzeit: 99 min.
  • Cast: Ralph Fiennes, Maggie Gyllenhaal, Emma Thompson, Maggie Smith, Rhys Ifans, Asa Butterfield, Daniel Mays, Bill Bailey, Nonso Anozie, Sam Kelly, Katy Brand, Eros Vlahos, Oscar Steer, Lil Woods, Rosie Taylor-Ritson
  • Kinostart: 01.04.2010
  • Beitragsbild © Universal