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Joe Wright inszeniert Tolstois „Anna Karenina“ als opulente Operette

Joe Wright inszeniert Tolstois „Anna Karenina“ als opulente Operette

Auf der Bühne beginnt das Schauspiel und dort endet es. Von dort kommt Joe Wright und die Gestalten seines meisterliche Melodrams. Für den Regisseur und Dramatiker ist die Bühne die des Theaters, wo seine Karriere begann und in dessen Szennebilder er die karnevaleske Romanadaption einbettet, für die Protagonisten ist es die Bühne die des Lebens. DieVorführung voll süßer Tragik und bitterer Komik ist zerrissen zwischen der grandiosen Inszenierung in prächtigem Rahmen und einer enttäuschenden Hauptrollenbesetzung.

Operette“ nennt Graf Vronski (Aaron Taylor-Johnson) das epische Sittengemälde und verrät seine Gedankenlosigkeit gegenüber dem Geschehen. Für Kitty (Alicia Vikander) ist es eine Romanze, für ihren Verehrer Levin (Domhnall Gleeson) eine Gesellschaftsstudie, für Oblonsky (Matthew Macfadyen) ein Sittengemälde, ein Ehedrama für seine Gattin Dolly (Kelly Macdonald) und eine Liebestragödie für Anna (Keira Knightley). Die Ehefrau des gealterten Staatsmannes Karenin (Jude Law) wird in der Anfangsszene gleich einer Puppe für einen Bühnenauftritt angekleidet, versunken in die Brieflektüre. Er ruft die Petersburgerin nach Moskau, um eine „Sünde“ zu versöhnen, der sie selbst erliegen wird: Untreue. Die bittere Ironie des Vorwurfs ist, dass Karenina als einzige aus der feinen Gesellschaft treu ist: gegen Bruder, Sohn, Gatten und Geliebten, vor allem jedoch sich selbst.

Die Authentizität der Emotionen trennt sie von der scheinheiligen Oberschicht, erst intellektuell, später sozial. Moralische Affektiertheit wird zur Opernkulisse, in der sich die Haupthandlung abspielt. Aufwendige Planszenen verwandeln das Bühnenbild, wo es kein Sein gibt, nur Scheinen, So-tun-als-ob und Sich-ausgeben-für. Heuchelei wird geduldet und gefordert. Auch von Karenin, der Untreue verzeihen kann, nicht aber Skandal. Um den Eklat schwirren Figuren, deren komplexes Beziehungsgeflecht knappe Berührungen und Blicke verraten. Ein Panorama der Zeitmoral, die kaum verschieden von der Gegenwart ist. Der Bruch mit dem Gesetz ihrer Klasse bringt Entsagung statt Befreiung. Falls letzte überhaupt existiert, dann auf Levins Grundbesitz. Ihm öffnet sich die Weltbühne auf ein malerisches Winterland. Eisig und von einer Trostlosigkeit, die die Heldin noch mehr erstickt als Etikette.

Ich bin nicht Teil der Moskauer Gesellschaft“, sagt sie in intuitiver Voraussicht Gräfin Vronskaya (Olivia Williams). Der Zug, in dem beide sitzen, wird Karenina zermalmen wie bei ihrer Ankunft einen Bahnarbeiter. Dessen Unfalltod verursacht ein bloßer Handkuss Vronskis. Jedes Begehren forciert das Rattern der Räder, die sich in Fächerwedeln und Hufdonner ankündigen. Knightley weiß um die Macht des Pathos, genau wie Wright. Dies ist die einzige Gemeinsamkeit des gezügelten Ensemblestücks und der fehltaktierten Darbietung im Zentrum einer Adaption, die trotz dieses Makels verführt. Wie Gräfin Vronskaya sagt: „Besser im Nachhinein bereuen als von vornherein verzichten.

  • OT: Anna Karenina
  • Regie: Joe Wright
  • Drehbuch: Tom Stoppard
  • Produktionsland: Frankreich, UK
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 130 min.
  • Cast: Keira Knightley, Aaron Johnson, Jude Law, Emily Watson, Matthew Macfadyen, Kelly Macdonald, Olivia Williams, Holliday Grainger, Domhnall Gleeson, Bill Skarsgård, Alicia Vikander, Michelle Dockery
  • Kinostart: 06.12.2012
  • Beitragsbild © Universal