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Werner Herzog auf den Spuren von „Grizzly Man“ Timothy Treadwell

Werner Herzog auf den Spuren von „Grizzly Man“ Timothy Treadwell

Ich glaube, das profane Wesen des Universums ist nicht Harmonie, sondern Chaos, Feindseligkeit und Mord“, sagt Werner Herzog in seiner differenzierten Bestandsaufnahme einer missglückten Amalgamation. Es scheint die Antithese der Weltanschauung Timothy Treadwells, der von 1990 an von Sommeranfang bis Winteranbruch im Katami Nationalpark lebte. Bis zum Oktober 2003 begleitete, filmte und infiltrierte der selbsternannte Tierschützer auf der Halbinsel die Wildnis, der er sich ebenbürtig fühlte: eine fatale Selbstüberschätzung. Kurz vor ihrer bevorstehenden Abreise tötete ein Grizzlybär Treadwell und seine Freundin Amie Huguenard. Der Fund ihrer Überreste überraschte weder seine Eltern, die sich über Kinderfotos an den tierlieben Jungen erinnern, noch seine langjährige Weggefährtin Jewel Palovak.

Die Mitbegründerin der Organisation Grizzly People übergibt Herzog das berüchtigte Tonband, das die mit verdeckter Linse laufende Kamera aufzeichnete. Was die Geräuschkulisse wiedergibt, ist erahnbar aus der Rekonstruktion eines Pathologen, der die in der Umgebung verteilen Leichenteile untersuchte. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Bären Beute fortschleppen oder Menschen angreifen und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie Menschenfleisch fressen. Doch Treadwells blutiges Ende erscheint seltsam metaphysisch und schicksalhaft. Vielleicht wäre der ambivalente Enthusiast, der bei jedem Medienauftritt geflissentlich auf Selbstinszenierung bedacht ist, eine Umweltikone geworden, hätte er seine Vertrautheit zur Erforschung und Bewahrung der Tiere genutzt. Doch Treadwell streichelt seine vermeintlichen Freunde, denen er infantile Kosenamen gibt.

„Mr. Chocolate“, „The Grinch“ und „Spirit“ sind für ihn ausgewachsene Varianten seines alten Teddybären. An das Stoffspielzeug kuschelt er sich im Zelt, das er vor Parkwächtern tarnt. Den Tierschützer spielt er lediglich in seinen Filmen. Die eingebildete Macht über die Bären kompensiert seine emotionalen Probleme. Er hatte kein Leben gehabt, sagt er: „Jetzt habe ich ein Leben.“ Kein sonderlich langes. Mit jeder Annäherung entfernte er sich weiter von der Natur, die er nicht verstand, sondern interpretierte. Die Arroganz gegenüber der Wildnis wurde dem histrionischen Egozentriker schließlich zum Verhängnis. Das faszinierende Charakterporträt sinniert aus kritischer Distanz über die brutale Konsequenz einer doppelten Anpassungsunfähigkeit gegenüber Zivilisation und Wildnis.

„Es ist eine schmerzliche Welt“, seufzt Treadwell einmal. In diesem nebulösen Zitat berühren sich die entgegengesetzten Ansichten von Regisseur und Filmsubjekt. Was bleibe, schließt Herzog, sei nur das Filmmaterial und die Erkenntnis daraus: „Dass es kein Blick auf die wilde Natur ist, sondern ein Einblick in uns selbst, unsere Natur.

  • OT: Grizzly Man
  • Regie: Werner Herzog
  • Drehbuch: Werner Herzog
  • Produktionsland: USA, Kanada
  • Jahr: 2005
  • Laufzeit: 103 min.
  • Beitragsbild © Universum