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Pigs will fly: Hayao Miyazakis „Porco Rosso“

Pigs will fly: Hayao Miyazakis „Porco Rosso“

Survivor Guilt und Kriegstraumata erscheinen in der fantastisch-bizarren Gestalt des Titelhelden: ein Höllenhund, der sich zum Himmel aufschwingt, ein Himmelhund, der die Hölle nicht fürchtete – dafür die eigene schmähliche Vergangenheit, der er davonfliegen will. Hayao Miyazaki bannt seine skurrile Abenteuerfantasie um einen Schweinehund von einem Piloten-Ass in schwerelose Bilder. Flugverrückt wie sein verrückter Flieger. Porco Rosso (Moriyama Shûichirô) lacht sogar dem Tod ins Gesicht, nachdem er ihm ins Auge sehen musste. Seit sein Geschwader buchstäblich aus allen Wolken fiel und nur er überlebte, ist er, der einst Marco Pagot war, ein anderer. Aus seiner Philosophie, die Guten stürben zuerst, leitet er indirekt seine vermeintliche Schlechtigkeit ab.

Während seine Kampfgefährten bei dem tödlichen Gefecht im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren, verlor er den Kopf und seine Illusionen. Mit einem Schweinehaupt, das seine empfundene Schande versinnbildlicht, verfolgt er als Kopfgeldjäger alles, was eine Belohnung verspricht. Zugleich ist sein unermüdlicher Einsatz ein verzweifelter Versuch, den Gesichtsverlust rückgängig zu machen, wieder das aus Fotografien ausradierte Antlitz zurückzuerlangen. Die Höhenflüge sind zugleich eine Flucht vor seinen Gefühlen gegenüber der Barbesitzerin Gina (Katô Tokiko). Grenzenlose Freiheit und Einsamkeit verschmelzen in Miyazakis atemberaubenden Himmelsgemälden. Nostalgische Verklärung und diffuses Fernweh nach einer heroischen Vergangenheit, an deren Märchenhaftigkeit die Inszenierung unterschwellig beständig erinnert, begleiten die Flieger bei ihren Kapriolen am Horizont.

Hinter dem Zynismus und der Hässlichkeit des bizarren Protagonisten verbirgt sich die zerrissene Seele eines ernüchterten Träumers. Sein Schweinskopf symbolisiert den gesichtslosen Schrecken des Krieges und die gefühlte Schuld der Überlebenden. Gleichzeitig steht das Animalische für eine emotionale Verrohung, die Faschisten und skrupellose Legionäre weit mehr verkörpern als Porco, dessen Schweinegesicht seinem korrupten Umfeld zum Spiegel wird. Die metaphorische Suche nach Erlösung, auf der dem eigensinnigen Titelcharakter die schlagfertige Mechanikerin Fio Piccolo (Okamura Akemi) zur Seite steht, ist eine euphorische Hommage, weniger an reale Helden der Lüfte als an den Traum vom Fliegen, in der fast alle Charaktere namentlich auf berühmte Piloten, Konstrukteure oder Maschinentypen anspielen.

Eine gleichermaßen erwachsene und kindlich-naive Abenteuerromanze, von schwereloser Hand gezeichnet. Das rasante Flieger-Fantasie ist nicht nur überreich an historischen Verweisen und universellen Allegorien. Von Miyazakis eigener Faszination für die Fliegerei, die später noch When the Wind Blows prägen sollte, profitiert die Story in Form von kurioser Detailverliebtheit und einem einzigartigen Verve. Nicht zufällig ist das Handlungsjahr 1927 das, in dem das oscargekrönte Fliegerabenteuer Wings in die Kinos kam. Studio Ghibli trägt den eigenen Namen nach einem Flugzeugtyp ähnlich dem des waghalsigen Hauptcharakters.

  • OT: Porco Rosso – Kurenai no Buta
  • Regie: Hayao Miyazaki
  • Drehbuch: Hayao Miyazaki
  • Produktionsland: Japan
  • Jahr: 1992
  • Laufzeit: 93 min.
  • Cast: Moriyama Shûichirô, Okamura Akemi, Ôtsuka Akio, Katô Tokiko, Sanshi Katsura, Tokiko Kato
  • Beitragsbild © Universum
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