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Berlinale ’13: Death & Darkness in George Sluizer’s „Dark Blood“

Berlinale ’13: Death & Darkness in George Sluizer’s „Dark Blood“

Von Todesmusik spricht Boy in der düstersten und suggestivsten Szene eines Werks voller obskurer und unheilvoller Untertöne. Regisseur, Filmcrew und Zuschauer – sie alle lauschen während des atmosphärischen Fragments diesem eigenwilligen Klang der Szenerie. Niemand jedoch scheint mehr in ihrem Bann als der junge Hauptcharakter, verkörpert von River Phoenix. Sein Tod verhinderte die Fertigstellung des mystischen Road Movies, das 20 Jahre später seine Premiere im Berlinale Wettbewerb feiert. Das spiritistische Drama ist zersplittert und lückenhaft, da nur knapp über 80 Prozent des ursprünglichen Skripts gedreht werden konnten. Mit seinem Star starben die Fertigstellungspläne für den Film, der ebenfalls begraben wurde: im Magazin der Versicherung des Studios, das 1999 das Material vernichten wollte.

Sie interessieren sich nicht für Film, sie interessieren sich nicht für Kultur. Sie interessieren sich für Geld“, sagt Sluizer auf der Pressekonferenz. Seine unvollendete Arbeit war den Produzenten nicht einmal die Lagerkosten wert. Der Entsorgungsaufwand blieb der Versicherung erspart, denn die Relikte kamen „abhanden“. 2012 liefen sie dann auf einem niederländischen Festival. „Du bekommst nicht was du willst, weil du Glück hast. Du bekommst es, weil du es willst“, kommentiert Sluizer, dem zwar rechtlich das Werk gehört, nicht jedoch dessen Negative. Magie sei nur eine Frage der Willensfokussierung, sagt Boy einmal. Er sei ein unternehmungslustiger, meint der Regisseur und, dass er Leute kenne, die clever darin seien, den richtigen Schlüssel zu finden.

Sein Projekt vergleicht er in der Einleitung mit einem zweibeinigen Stuhl: „Ich habe nun das dritte Bein darangesetzt. Wir werden nie das vierte sehen, aber wenigstens kann der Stuhl nun stehen.“ Seine Worte betonen das Fragilen der faszinierenden (Re)Konstruktion, die sich der Rezension entzieht. Es bleibt die eindrucksvolle Stimmung morbider Geheimnisse der Story und die hypnotische Weite vder Kamerabilder. Die Wüste Utahs wird auf der Leinwand zu der Arizonas, die Buffy (Judy Davis) und ihr Ehemann Harry (Jonathan Pryce) durchqueren. Der verklemmte Schauspieler und das Ex-Playboy-Bunny repräsentieren eine angloamerikanische Massenkultur, abgekapselt in trivialen Konflikt zwischen arrivierter Überlegenheit und desorientiertem Selbstbestätigungsdrang. Sie kommen aus Hollywood in einem Bentley, der zu sehr einer Kinorequisit ähnelt.

In der Realität stirbt der Motor ab wie die kaputte Beziehung. Bei der ersten Panne warnt sie eine Hotelbesitzerin (Karen Black), deren stummer Sohn (Lorne Miller) das Auto repariert, „dem Licht“ fernzubleiben. Es ist die flimmernde Wüstensonne, unter der die zweite Panne folgt, die radioaktive Strahlung des Atomtest-Areals und Boys Barackenlicht. Der junge Einsiedler (Phoenix) rettet sie und lässt sie nicht mehr ziehen: um mit Buffy die Apokalypse zu erwarten, die in dem durch die Weißen vergifteten und von den Navajo verfluchten Land längst eingetreten ist. Der Konflikt von spiritueller Naturverbundenheit und zivilisatorischer Repression ist der tote Winkel des allegorischen Plots, so finster, pulsierend und lebendig ist wie sein Titel: Dark Blood.

  • OT: Dark Blood
  • Regie: George Sluizer
  • Drehbuch: Jim Barton
  • Produktionsland: USA, Großbritannien, Niederlande
  • Jahr: 1993/ 2012
  • Laufzeit: 86 min.
  • Cast: River Phoenix, Jonathan Pryce, Judy Davis, Rhonda Aldrich, T. Dan Hopkins, Karen Black
  • Beitragsbild © Berlinale