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„Frauen machen, wenn sich irgendetwas verändert in ihrem Leben, zwei Dinge: Sie kaufen sich neue Schuhe oder legen sich eine neue Frisur zu.“ – Interview mit Julian Pölsler

„Frauen machen, wenn sich irgendetwas verändert in ihrem Leben, zwei Dinge: Sie kaufen sich neue Schuhe oder legen sich eine neue Frisur zu.“ – Interview mit Julian Pölsler

Innere und äußere Mauern sind das Kernmotiv von Marlen Haushofers symbolistischer Fabel über Introversion und Isolation. „Um unsere Freiheit ist es sehr traurig bestellt. Wahrscheinlich hat es nie anderswo als auf dem Papier gegeben„, schreibt sie in „Die Wand“. Doch gerade dort findet sich nichts davon; zumindest auf dem Papier des Romans. Julian Pölsler schuf aus der psychologischen Studie ein kontemplatives Porträt, dessen Facetten er im Gespräch ergründet.

Die Frau versucht nie wirklich, die Wand zu überwinden oder zu umgehen. Hat diese Wand eine ganz andere Dimension?

Das habe ich natürlich auch geschrieben und gedreht. Ich wollte tolle Actionaufnahmen haben unter Wasser, wie sie plötzlich gegen diese Wand stößt und dann hatte ich eine Szene, wie sie auf einen Baum klettert und Steine hoch schmeißt. Ich hab für mich definiert, dass es nicht nötig ist, weil etwas ganz wichtiges passiert. Die zweite Begegnung mit der Wand ist bereits die, wo sie sieht, dass alles jenseits der Wand versteinert ist. Sie sagt sich, unter der Wand durchzugraben hätte keinen Sinn, denn es würde dort nur der Tod warten. Darum habe ich mir gedacht, ich nehme noch eine Szene mit. Die, wo das Auto gegen die Wand kracht. Ich hab lang gesucht nach einer Metapher, wo man sieht, es gibt kein Entkommen. Wenn jemand wie sie unvermittelt gegen eine Wand kracht, ist das das Bild, was klar versinnbildlicht, jetzt gibt’s kein Entkommen.

Das Abschneiden der Haare ist ein einschneidendes Erlebnis. Warum lassen Sie es bei der Frau unerwähnt?

Ich habe mich das sooft gefragt und das natürlich gedreht. Frauen finden Haareschneiden wichtig, weil Frauen machen, wenn sich irgendetwas verändert in ihrem Leben, zwei Dinge: Sie kaufen sich neue Schuhe oder legen sich eine neue Frisur zu. Jetzt habe ich mir aber gedacht, die Frau in der „Wand“ reagiert anders auf ihre Verwandlung. Es war eine Intention von mir möglichst viele Interpretationsspielräume zu geben. Was ist die Wand? Wer ist die Frau? Wie wird es weitergehen? So auch: Wie hat sie sich die Haare geschnitten und warum? Hat das in etwa Ihre Frage beantwortet?

Es lässt zumindest Ihre Interpretationsmöglichkeiten offen.

Wir hatten das aufwendig gedreht mit doppelter Belichtung. Die Frau mit langen Haaren schaut sich selbst zu, wie sie die kurzen schneidet. Aber ich war Regieassistenz bei Axel Kotti und der hat mir einen Satz mitgegeben, den ich versuche zu beherzigen: „Das Einfache ist das Schwere. Aber das Einfache ist das Ziel.“ Das gilt auch für diese Haarsache.

Zeigt das Reduzieren der Äußerlichkeiten der schon anfangs unscheinbaren Frau, dass die Perspektive Fremder ihre Bedeutung verliert, wenn man naturverbundener wird?

Die Haartracht der Frau hat einen einfachen dramaturgischen Grund. Ich habe bemerkt, dass manche diese Ebenen nicht verstanden haben, die Zeitebenen. Der Film fängt in einer Jetztzeit an, geht zweieinhalb Jahre zurück und dann macht Haushofer noch eine dramaturgische Klammer. Um das visualisieren zu können, habe ich die Frau in der Jetztzeit mit kurzen Haaren ausgestattet. Natürlich hab ich mir auch überlegt, warum hat sie die kurzen Haare. Da kommt was von dem, was wir besprochen haben, wie Frauen reagieren auf Katastrophen in ihrem Leben. Ich möchte, dass die Kinobesucher, wenn sie aus dem Kino kommen, noch weiter nachdenken über viele Fragen. Eine davon könnte sein: Warum hat die da die kurzen Haare und warum sehe ich es nicht, wie sie sie abschneidet?

Die Naturbindung steht aversiv zur Menschenbindung. Den ersten, den die Frau nach all der Zeit sieht, tötet sie ohne Zögern. Die Möglichkeit einer Veränderung oder nur Fragen zu stellen, eliminiert sie mit einem Schuss.

Im Radio Österreich Eins gab‘s die Diskussion unter dem Titel. „Seismographen der Welt – Frauen in der Kunst“. Da wurde angesprochen, warum am Ende alles Männliche, der Mann, der Stier, der Hund, stirbt und alles Weibliche, die Frau, die Kuh, die Katze, überlebt. Gibt es so etwas wie spezifisch Weibliches und wie äußert sich das? Hier ist es so, dass dieses Schützende, Bewahrende, Nachinnengerichtete, eher ein weibliches Element ist. In ihrem Bedürfnis, ihre Tiere, das ihr anvertraute, zu schützen, überlegt sie nicht. Der Mann ist ja einer, der völlig aggressiv auftritt.

Zu diesem negativen Männlichkeitskonzept existiert kein Gegenbild in der Geschichte.

Ich glaube, das ist der emanzipatorische Ansatz von Frau Haushofer. Die hat in ihrer persönlichen Geschichte in einem sehr frauenfeindlichen Umfeld gelebt. Da hat sie das alles anscheinend verpackt.

Ab wann war Martina Gedeck für Sie die Idealverkörperung der Frau und wie arbeiten Sie bei so einer Einzelrolle zusammen?

Ab dem Moment, wo fest stand, dass es eine österreichisch-deutsche Co-Produktion wird, war für mich und uns alle klar: Das kann nur Martina Gedeck spielen. Das Außergewöhnliche an der Zusammenarbeit mit Frau Gedeck war, dass wir sehr reduziert miteinander kommuniziert haben. Wir haben wortlos das Wortlose versucht zu finden und auszudrücken. Ich bin letzte Woche aus Helsinki gekommen, wo der Film erfolgreich gelaufen ist und viele Finnen die Arbeit von der Frau Gedeck gelobt haben, weil es keinen Dialog gibt, der ablenken würde. Außer der Voice-Over natürlich. Es ist ein Film ohne Filmmusik. Die Bach-Partien, die ich verwendet habe, sind für mich die Fortsetzung der Voice-Over in einer anderen Sprache. Die dritte Sprache ist Stille. Ich hätte gerne mehr gehabt, aber meine Produzenten waren nicht ganz meiner Meinung. Das ist die dritte Ebene der Voice-Over: wann sagt sie etwas, wann sagt sie nichts und wann erzählt Bach weiter. Gibt viel, die sagen: Schrecklich der Bach!

Es waren mir etwas viele Stilmittel, als sie den Mann erschießt, wo Sie bereits mit Slowmotion arbeiten.

Habe ich auch lange überlegt. Mich stört es fast mehr auf der Alm, wo sie sitzt. Aber es ist so, dass Haushofer hier in diesen Kapiteln des Romans sehr viel sagt. Ich wollte eine andere Form der Sprache und so bin ich auf Bach gekommen. Ich habe sehr lange überlegt, ob ich sie verwenden darf und sie immer wieder gehört. Irgendwann sagt man, ich kann das nicht mehr hören. Bei Bach ist genau das Gegenteil passiert, weil er eine Sprache spricht, die wir nicht auf Anhieb verstehen und das ist die zweite Ebene der Sprache.

Sie haben das Projekt lange erwogen und die stetige Veränderung der Buchrezeption erlebt. Setzen man da stur seine Lesart um oder versucht, alle zufriedenzustellen?

Wissen Sie, meine erste Intention war, eine Plattform für diesen großartigen Text zu schaffen. Ich finde, obwohl der Roman in 19 Sprachen übersetzt ist und über eine Millionen mal gelesen wurde, trotzdem, dass viel mehr Menschen diesen Roman lesen sollten, gerade in unserer Zeit. Ich habe natürlich eine eigene Interpretation gehabt, die sich immer wieder gewandelt hat. Das einzige, was geblieben ist, ist der Ansatz, dass es um eine Verwandlung geht. Nicht nur, weil das Wort Wand in Verwandlung vorkommt, sondern ich glaube, dass das das große Thema ist. Natürlich hat meine Interpretation dieser Wand immer wieder eine Veränderung erfahren durch Kritiken, die ich bekommen habe für meine Drehbücher. Für mich war klar, ich möchte keine Interpretation vorgeben, sondern ich glaub, das ist so ein stiller Film. Alle Menschen sehnen sich ja so nach Stille und wenn sie eine Kinokarte kaufen, haben sie 108 Minuten Zeit nachzudenken. Dieses Öffnen der Interpretationsmöglichkeiten gibt ihnen die Möglichkeit nachher noch nachzudenken. Ich fahre jetzt mit dem Film rund um die Welt zu den Festivals und überall ist das Interesse sehr groß, zu 90 Prozent von Frauen. Ich erfahre da von diesen Menschen ihre Interpretation. Sie bilden sich ein, das war im Film und ich denke mir: Wahrscheinlich war´s im Film, aber ich habe das nicht gesehen. So ist dieser Verwandlungsprozess noch immer nicht abgeschlossen.

Da Sie von Stille sprechen: Fiel es Ihnen schwer den Off-Text einzudämmen?

Ja. Das ist der Hauptkritikpunkt der Kritiker. Ich hab auch eine Drehbuchfassung geschrieben komplett ohne Off-Text. Das war interessant. Da kam ein mittelmäßig brauchbarere Fernsehfilm heraus. Ich hab mich dann entschieden, Off-Text zu verwenden und die Frage, welchen und wie viel so beantwortet: Ich will alle meine Lieblingsstellen drin haben. Darum ist es so viel geworden und weil ich wollte, dass dieser großartigen Sprache Raum gegeben wird, weil unsere Sprache immer ärmer wird. Wohl wissend, dass das ein Kritikpunkt wird.

Von Anbeginn wirkt die Frau isoliert und betrauert weder den Verlust zwischenmenschlichen Kontakts, noch den eines einzelnen Menschen.

Paulus Hochkatterer, ein österreichischer Autor, hat mir eine interessante Interpretation der Wand gegeben. Das ist für ihn die exakte Beschreibung einer Depression, und zwar einer bereits depressiven Frau, wenn sie hin fährt. Diese Depression erfährt nur eine Wandlung. Deshalb habe ich versucht, diese Frau schon in ihrem scheinbar normalen Leben isoliert zu zeigen.

Sie hatten insgesamt rund 65 Drehtage?

Ich hatte 72 Drehtage, aber es werden offiziell nur 65 angegeben. Die Tage habe ich ohne Frau Gedeck gedreht. Das war dann nur mit Hund, nur Natur.

Forderte die unberechenbare Natur so viel Zeit oder die Arbeit mit einer Einzeldarstellerin?

Ich habe sehr darum gekämpft, um diese Drehtage. Natürlich ist das Argument gekommen: Braucht´s das wirklich? Ich wollte aber dann drehen, wenn Licht und Vegetation meiner Meinung nach optimal sind, nicht, wenn sie in etwa stimmen. Das fordert seinen Tribut und das ist die Zeit. Ich hab auf viele Actionszenen verzichtet zugunsten der realistischen Darstellung der Natur.

Das Presseheft erwähnt einen Director´s Cut. Sind Sie noch nicht ganz fertig mit dem Film?

Das Thema des Films ist für mich die Wandlung. So unterliegt auch der Film einer Wandlung. Der, der am 11. Oktober ins Kino kommt, das ist mein Film. Nichts desto trotz habe ich in meinem Regievertrag stehen, dass ich einen Director´s Cut machen darf. Sie wissen doch, wenn Sie einem Regisseur etwas versprechen, will er das unbedingt haben, ob er das nun brauchen kann, oder nicht.

Beitragsbild © StudioCanal