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„Man hat das Recht auf persönliche Freiheit und darauf, dafür zu kämpfen“ – Interview mit Göran Hugo Olssen

„Man hat das Recht auf persönliche Freiheit und darauf, dafür zu kämpfen“ – Interview mit Göran Hugo Olssen

Es war beinahe wie die Auffindung eines kostbaren Schatzes aus der Vergangenheit. Beim Stöbern in einem Archiv fand der schwedische Regisseur Göran Hugo Olsson Material aus den stürmischen Jahren der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und entschloss sich, daraus einen Film über die entscheidenden Jahre zu montieren. The Black Power Mixtape 1967-1975 war seitdem auf zahlreichen Festivals wie der Berlinale 2011 zu sehen. Zum Kinostart sprach der Regisseur über das Erbe der Bewegung und seine neuen Pläne.

In welches Umfeld wurdest Du geboren?

Ich wurde im Süden Schwedens geboren. So eine Art Universitätsstadt

Und das soziale Klima dort?

Komisch, dass Du mich das fragst, denn ich wuchs in einem sehr privilegierten Umfeld auf. Allerdings in einer radikalen Stadt. Obwohl die Leute reich waren, waren sie politisch aktiv. In meiner Schule war die Familie Salvador Allendes aus Chile. Es war eine radikale Zeit und aufgedonnert sein nicht okay. Die Leute liefen in solchen Klamotten herum (zeigt auf seine zerschlissene Jeans).

Ist das ein Grund, dass Dein Film von den Unterprivilegierten handelt, die sich gegen Diskriminierung wehren?

Vielleicht. Als ich das erste Mal etwas für jemand anderes tat, war ich elf Jahre alt, 1966. Ich kam aus den Schulferien zurück. Damals war der Soweto-Aufstand. Kinder in Südafrika hatten dagegen protestiert, dass sie die Apartheid-Sprache lernen, und die Polizei hat sie einfach erschossen. Keine Studenten, Kinder. Danach widmeten wir einen Tag im Jahr, um Geld für den ANC für den Kampf zu sammeln.

Welchen Eindruck hinterließ die erste Begegnung mit der Black Power Bewegungbei Dir? Als privilegierter Weißer stehst Du ja in gewisser Weise auf der Gegenseite.

Auf persönlicher Ebene ist das kein Problem, denn wir sind Individuen. Aber ich bin ein Dokumentarfilmer. Der Unterschied zwischen Dokumentation und Journalismus ist der völlig veränderte Blick auf die Dinge. Dieser Film handelt nicht von der Black Power Bewegung. Das könnte ich nie machen. Ich bin nicht aus der Gemeinschaft, habe nicht den Hintergrund, nicht die Erfahrung. Es ist ein Film über die schwedische Perspektive auf die Black Power Bewegung. Ich könnte nur Filme über etwas machen, das meine Sache ist. Diese Nachrichten waren in meiner Stadt, ich sah das als Kind, ich habe eine Verbindung.

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Hat an den historischen Orten zu sein Deine Perspektive verändert?

Ich bin mein Leben lang ein Filmemacher, der herumgereist ist und Leute getroffen hat. Daher war die eigentliche Arbeit, mein Wissen darüber zu vertiefen. Aber auf persönlicher Ebene, war es, als ich Angela Davis traf und einen Tag mit ihr verbrachte, vielleicht das Beste.

Hast Du gezielt diesen Zeitpunkt für den Film gewählt?

Nein. Ich kann mir nicht erklären, warum er nicht früher von jemand anderem gemacht wurde. Als ich das Material fand, hatte ich den Film vor Augen, aber ich sah auch meine Pflicht, das an die Öffentlichkeit zu bringen. Meine Alternative war, es auf dem Kellerboden liegen zu lassen. Wenn man ein Buch liest wird es in der Bibliothek verwahrt, Jahr für Jahr. Filme verschwinden in dieser Beziehung. Daher wollte ich einen Film drehen, den Studenten, die sich dafür interessieren – nicht nur für das Thema Rassismus, sondern Gender, Ethnien, Amerika, Revolution oder soziale Gerechtigkeit – finden können.

Es fällt auf, dass es Dutzende Produktionen gibt über John F. Kennedy und „ … all the kings men“. Aber über Stokely Carmichael oder Rosa Parks?

Das ist wahr. Sie haben jede Menge Filme gemacht, aber die sind lausig. Warum können die keinen guten machen? Die Protagonisten erzählen uns, dass man das Recht auf persönliche Freiheit und darauf, dafür zu kämpfen hat. Man kann sich damit identifizieren. Rosa Parks ist das wichtigste Individuum. Sie hat es geplant in diesem Bus zu sitzen. Nach der Verhaftung begann Dr. King den Boykott. Sie war kein Teil des Boykotts, sie war der Grund dafür. Manchmal erzählen Leute die Sache, als habe sie sich gesagt: „Ich hab keinen Bock, ich setze mich hin, wo ich will.“ So war es nicht. Sie ist eine große Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts und ein Vorbild für Zivilcourage.

Diese angebliche Unüberlegtheit ist eines der alten Negativstereotypen aus „Birth of a Nation“. Könnte Dein Film die Leute aufrütteln?

Das ist viel verlangt von einem Film. Mein Film ist gut in sofern, dass Stokely Carmichael und Angela Davis zu den größten Geistern ihrer Zeit zählen. Man kann mit ihnen auf politischer Ebene anderer Meinung sein, aber sie sind inspirierend als Persönlichkeit.

Haben sie Nachfolger?

Die Hip-Hopper, die Rapper. Die Rapper führen die Tradition fort. Das Erbe der Bürgerrechtsbewegung wirkt sich überall aus: Gender-Bewegungen, die Schwulenbewegung oder bestimmten Bewegungen in Südafrika. Die Teenager haben die verbale Erzähltradition der Rap-Musik. Vielleicht ist es nicht wie ein Schulbuch, aber sie wissen Bescheid und kennen die Namen. Kennst Du den Song „The Revolution will not be televised“? Tupac Shakurs Mutter ist im Film. Seine Tante ist noch im Exil in Kuba, weil sie Mitglied der Black Liberation Army war.

Dein Film wäre ein guter Lehrfilm an Schulen: er ist packend, greifbar, authentisch.

Darauf hoffe ich. Ich möchte diese Ideen und Personen einem jüngeren Publikum zugänglich machen. Das ist mein Traum.

Beitragsbild © Mouna