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Die Drei von der Landstraße: „Frau Ella“

Die Drei von der Landstraße: „Frau Ella“

Sascha ist immer auf Tour, aber kommt trotzdem im Leben nicht voran. Dafür hat Markus Goller in seiner neuen Komödie eine ganz tolle Metapher gefunden. Sascha ist Taxifahrer und bleibt so stets auf vertrautem Terrain, obwohl er ständig in Fahrt ist. Des öfteren auch mit seiner Freundin Linda (Anna Bederke), die ab und zu bei im einsteigt. Wieder eine ganz tolle Metapher: für die On-Off-Beziehung der beiden. Aber dann kommt der Tag, an dem Linda will, dass er einsteigt und zwar richtig, ins Familienleben. Dafür müsste der ungebundene Hauptcharakter des tragikomischen Romans, mit dem Florian Beckerhoff 2009 sein Debüt gab, einen Gang runter schalten (natürlich in der Alltagsroutine – Metapher!).

Baby on board! Vorerst nur bei Linda, die Sascha zukünftig lieber als Chauffeur des Kinderwagens hätte. Sascha indes hält statt an Linda lieber an seiner Freiheit und dem Lenkrad fest. Damit steuert er allerdings in jeder Beziehung (nicht nur der mit Linda) in eine fatale Richtung, wofür Goller eine weitere ingeniöse Metapher parat hat. Sascha hat einen Zusammenstoß, zuerst fahrttechnisch mit dem Taxi und später im Krankenhaus mit einer Mitpatientin. Sie ist seine Zimmernachbarin im Krankenhaus, wohin beide einer der bemühten Zufälle des Drehbuchs verschlägt, und dem filmischen Altersklischee entsprechend ebenso energisch wie verschroben. Wer jetzt ein packendes Kammerspiel über Schnarchterror und Fenster-auf-oder-Fenster-zu-Diskussionen mit Patientinnen älteren Jahrgangs erwartet, darf sich auf eine gelungene filmische Überraschung freuen. Alle anderen auf nichts. Frau Ella reiht sich in die Folge tragikomischer Komödien über alte Leute, von denen die Jüngeren noch was lernen können. Damit die Botschaft von der Altersklugheit nicht zu altersklug rüberkommt, vollzieht sich der Lernprozess bei den ungleichen Protagonisten auch ein wenig umgekehrt.

Sascha ist nämlich schon 30 und damit laut Drehbuch für Vater-Mutter-Kind-Friede-Freude-Eierkuchen überreif; dummerweise bisher nur physisch und nicht emotional. Denn Sascha ist vor allem Matthias Schweighöfer und der quasi abonniert auf die Rolle des ewigen Jungen, den äußere Umstände zu seinem eigenen Besten zum Erwachsenwerden zwingen. Das vorhersehbare Schema, dem die Handlung bereitwillig folgt, erkennt auch sein bester Kumpel Klaus (August Diehl). Klaus zu grundlegenden Veränderungen und Sascha stellt seine Routine prompt auf den Kopf, zusammen mit der Frau Ellas (Ruth Maria Kubitschek). Im Krankenhaus ist nämlich nicht nur das Essen anrüchig, sondern die Behandlungspraxis, die ähnlich dreist auf Kasseneinnahmen kalkuliert ist. Die Titelfigur reduziert der Plot zum Requisit eines seichten Selbstfindungstrips, wie ihn Schweighöfer bereits in Friendship und What a Man durchmachte. Sascha nimmt Reißaus und die rüstige 87-Jährige gleich mit nach Hause. Wieder eine kindische Tat, aber Sascha ist auf dem richtigen Weg: nach Frankreich.

Dort findet die Kamera die unvermeidlichen pittoresken Szenerien, Ella inneren Frieden und Sascha einen Zukunftsperspektive. Dieses vermeintlich neue Lebensmodell ist dabei so altbacken wie die grobschematische Romanverfilmung keinesfalls sein will, doch immer anmutet: die Kernfamilie, mit Frau Ella als potentieller Frau Oma. Die alte Dame und der jüngere Mann geben auf den ersten Blick ein Gegensatzpaar wie Harold und Maude ab, allerdings laufen sie statt vor der Konvention davon zu ihr hin. Beide agieren jünger als sie sind, beide werden von ihrem wahren Alter eingeholt. Sascha akzeptiert das Ende seines lockeren Lebens, Ella das des Lebens an sich. Das ist zur Abwechslung wirklich eine tolle Metapher dafür, dass man sich, wenn man seinen individuellen Ehrgeiz aufgibt, begraben lassen kann. Ob im Sarg, in sozialer Konzession oder aber in filmischer.

  • Beitragsbild © Warner Bros.