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Wem die Stunde zweimal schlägt: „Die doppelte Stunde“

Wem die Stunde zweimal schlägt: „Die doppelte Stunde“

In jeder Stunde wohnt ein magischer Augenblick. Es gilt nur ihn zu erhaschen, indem man zur rechten Zeit hinsieht. Steht auf beiden Anzeigen einer Uhr die gleiche Ziffer, hat man einen Wunsch frei. Dann schlägt die doppelte Stunde, nach der Giuseppe Capotondis sein verschlüsseltes Spielfilmdebüt benennt. Funktioniert dies tatsächlich? Sonia (Kseniya Rappaport) fragt es Guido (Filippo Timi), als er ihr nach der ersten Begegnung davon erzählt und fragt es unterschwellig den italienischen Regisseur. Der ehemalige Polizeibeamte Guido und der einstige Werbe- und Videoregisseur Capotondi verneinen. Ihre gleiche Antwort ist tatsächlich gleich zwiespältig. Kein Wort und keine Szene sind absolut in dem mystischen Handlungsgespinst. 

Ein flüchtiger Moment kann alles erschüttern. Guido spürt es schon, als er Sonia beim Speed-Dating kennenlernt. Ein Blick in die Augen, ein Blick auf die Uhr und das oberflächliche Rendezvous wird zum Beginn einer zärtlichen Romanze. Doch die Zeit lässt sich nicht betrügen. Die süße Ewigkeit endet bitter. Eine Liebesnacht wird zur Mordnacht. Die doppelte Stunde ist angebrochen: in einer Nacht, nach der nichts ist, wie es war und niemand, was er scheint. 

Guido ist tot. Ermordet von den Einbrechern, die Sonia und ihn in dem Anwesen überfallen haben, dass Guido als Wachmann hüten sollte. Doch wer hat ihnen von der abgestellten Alarmanlage erzählt? Wer von den verborgenen Wertsachen? Steckt hinter dem Verbrechen kein fataler Zufall, sondern eine femme fatale? Sonia, hinter deren Zärtlichkeit ein anderes, unergründliches Ich lauert, das zu Guido raunt: „Du weißt nichts über mich.“ 

Ein Bruch geht durch die Erzählung. Vertrautes ist verstörend, Wahres verwandelt sich in Lügen. Sogar die eigene Persönlichkeit offenbart verborgene Züge. Die atmosphärischen Bilder fließen ineinander und tauchen aus der Szenerie, welche die Seelenwelt der Figuren symbolisiert. Der Titel vereint zwei parallele Zeitebenen semantisch zum Einzelmoment. In dem konzentrierten Augenblick treffen unterschiedliche Realität aufeinander. Die doppelte Stunde ist die Verbindungstür. Wenige Sekunden ist sie offen. Hat sie sich wieder geschlossen, gibt es kein Entrinnen aus der neuen Realität. Fast willkürlich scheint Capotondi seine Figuren in dem filmischen Spiel zu bewegen. Doch jeder Zug ist sorgfältig geplant. Feine Risse durchziehen die Perspektiven der Charaktere und deuten den scheinbar abrupten Bruch an. Nicht die Macht des Schicksals, sondern das Trügerische der eigenen Wahrnehmung. Unmerklich verwischt die Grenze zwischen Wunsch, Wunschdenken und Wahn. 

Romanze, Noir Thriller und Mystery-Film verknüpfen die Handlungsstränge geschickt, bis dem Realitätsglauben daraus einen Strick gedreht ist. Die Story fängt das Publikum im gleichen Netz wie die Protagonisten. Unversehens zersplittert die Liebesgeschichte in einen psychologischen Krimi, dessen Noir-Untertöne dem Dunkel einer filmischen Gothic Novel weichen. Überall findet Sonia Spuren Guidos, den sie für tot hielt. Wie das Urlaubsfoto, das beide gemeinsam zeigt – an einem Ort, an dem sie nie zusammen waren.  Zuerst fühlt Sonia seine Gegenwart nur, dann glaubt sie, Guido zu sehen. Täuschen ihre Augen sie? Oder täuschen sie ihre Sinne? 

Die dramaturgische Frage ist so bekannt wie die Genre-Klassiker, die das Rätsel leichter lösbar machen, als Capotondi glaubt. Das konsequente Ende überzeugt indes mehr als es ein Plot-Twist könnte, der die Charaktere einem Überraschungseffekt opfert. Die letzte Schlinge legt der exakt 102 Minuten währende Plot im Kinosaal. Sich in ihr zu verfangen, ist ebenso kurzweilig wie unterhaltsam.

  • OT: La doppia ora 
  • Regie: Giuseppe Capotondi 
  • Drehbuch: Alessandro Fabbri, Ludovica Rampoldi, Stefano Sardo 
  • Produktionsland: Italien 
  • Jahr: 2009 
  • Laufzeit: 95 min
  • Cast: Filippo Timi, Kseniya Rappoport, Fausto Russo Alesi, Antonia Truppo, Gaetano Bruno 
  • Kinostart: 19.05.2011
  • Beitragsbild © MFA+ Filmdistribution
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