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Lynne Ramsays „You were never really here“ hüllt Trostlosigkeit in Noir-Poesie

Lynne Ramsays „You were never really here“ hüllt Trostlosigkeit in Noir-Poesie

Seelische Abgründe sind von jeher das bevorzugte Terroir Lynne Ramsays, deren kondensierte Noir-Fabel über die Vergeblichkeit von Hoffnung in einer verkommenen Welt sinniert. Ihre malerische Bildsprache kontrastiert Aufnahmen von träumerischer Harmonie mit Szenen eruptiver Brutalität, die an Psyche und Körper unauslöschbare Spuren hinterlässt. Im Gegensatz zu typischen Revenge-Thrillern, mit denen ihre expressive Charakterstudie oft verglichen wird, kreist die Adaption von Jonathan Ames gleichnamiger Kurzgeschichte nicht um die Ausübung von Gewalt, sondern deren Nachwirkungen. Ihre Geschichte ist eine von Schmerz, dem der gequälte Hauptcharakter vergebens zu entkommen versucht. Joe (Joaquin Phoenix) ist die Geißel seiner Erinnerungen, der einzigen Konstante einer kaputten Existenz.

Der zentrale Konflikt seiner maroden Psyche, in der Flashbacks kindlicher und beruflicher Traumata zucken, brodelt zwischen Aggression und Empathie. Der einzelgängerische Ex-Soldat weiß, wie grausam Agonie sind, weil er sie beständig selbst fühlt. Dieses individueller Betroffenheit entspringende Mitgefühl gepaart mit einem unangenehm anzusehenden körperlichen Verfall macht den erbitterten Auftragskiller zum Gegentypus des unverwundbaren Racheengels. Sein Körper ist aufgedunsen von Tabletten und übersät von Spuren fremd- und selbstzugefügter Verletzungen, dem einzigen Ventil seiner emotionalen Tortur. Trotz eine Reihe drastischer Szenen ist die ausgefeilte Inszenierung keine Stilisierung von exzessiver Wut. Stattdessen demaskiert die Regisseurin das Konzept einer moralisch überhöhten Inhumanität als absurdes Konstrukt.

Für Joe und die in ihrer eigenen Hölle gefangene Nina (Ekaterina Samsonov) gibt es keine heilende Katharsis, denn jede Vergeltungstat fügt zu den alten seelischen Verwundungen nur neue hinzu. Aus der Diallele autodeterminierter Pein zeigt das packende Diagramm eines Ausbruchsversuchs keine trügerische Hintertür, die den Charakteren eine erlösende Zukunft aufzeigt. Der einzige Zufluchtsort vor dem irdischen Inferno ist buchstäblich jenseits ihrer Reichweite – das Jenseits, das Joe von der ersten Einstellung an zu sich lockt. Den zerbrochenen Protagonisten bleibt die tröstende Gewissheit, dass sie dort wie Joes Mutter (Judith Roberts) eines Tages ankommen. Bis dahin bleiben ihnen nur kleine Fluchten wie jene des wehmütigen Schlusssatzes.

  • OT: You were never really here
  • Regie: Lynne Ramsay
  • Drehbuch: Jonathan Ames, Lynne Ramsay
  • Produktionsland: 2017
  • Jahr: USA
  • Laufzeit: 90 min.
  • Cast: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Alessandro Nivola, Alex Manette, John Doman, Judith Roberts, Kate Easton, Jason Babinsky, Frank Pando, Madison Arnold, Dante Pereira-Olson, Leigh Dunham
  • Kinostart: 26.05.2018
  • Beitragsbild © Constantin
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