#movie #review #cinema #critic #film #festival #podcast

„A Letter to the Future“ gibt einen unscharfen Einblick in Familienalltag in Havanna

„A Letter to the Future“ gibt einen unscharfen Einblick in Familienalltag in Havanna

Alle wollen in die Vereinigten Staaten. So scheint es Luis Alberto, der mit den übrigen Protagonisten ein charaktervolles Zeitbild entwirft. Der Vater eines erwachsenen Sohnes glaubt an den Sozialismus. Das sagen seine Worte, doch aus seiner Stimme spricht Resignation. Als Fernfahrer für das Kulturministerium arbeitet er hart in einem vergleichsweise guten Job, aber der Lohn der Mühe ist karg. 

Doch bevor die Ernüchterung allzu deutlich wird, geht das Licht aus.Kein Schnitt, kein Effekt, niemand hat das Licht abgestellt. Ein Stromausfall, bemerkt der Mann aus Havanna unaufgeregt. „Kann die Kamera auch im Dunkeln sehen?“ Kann sie nicht, aber zeigen, wie das Leben in der geschichtsträchtigen Metropole läuft. Am Besten in ungeplanten Momenten, die Renato Martins’ ambivalentem Langfilmdebüt einen Rest Authentizität lassen. Auf den ersten Blick wirkt die holprige Collage wie ein Schnappschuss, beim zweiten entpuppt sie sich als sorgsam arrangiertes Gruppenbild. Das Mosaik aus Amateuraufnahmen, Archivszenen und Fotodokumenten suggeriert eine Unbefangenheit, die sich zunehmend selbst als Konstrukt darstellt. 

Der Einblick in den Familienalltag der pensionierten Lehrerin Miriam Torres kommt nicht vorbei an prekären Lebensbedingungen, Versorgungsmangel und Zensur. Systemkritik relativieren die Protagonisten beflissen, da vieles offenbar besser nicht gesagt wird – jedenfalls nicht laut in eine Kamera, die sich an das Reiseprospketideal lebenssprühender Unbeschwertheit klammert. Allseitige Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung, liberale Strukturen, solide Lebensbedingungen, auf „bessere Zeiten“ wird zur Chiffre für Resignation und Perspektivlosigkeit. Durchsickernde Frustration und Ernüchterung verwässern strategisch platzierte Floskeln. Das Leben sei halt kompliziert, ein Kubaner jemand, „der nichts und doch alles hat“ und „ruhig bleibt, wenn der Strom wieder angeht.“ Wenn. 

Der Kontrast von familiärem Wandel und politischem Stillstand sind die stärken der dokumentarischen Randnotiz zu einer Gesellschaft, der es an zwei raren Dingen sicher nicht mangelt: Improvisationsgeist und Humor. 

  • OT: Carta Para o Futuro
  • Regie: Renato Martins
  • Drehbuch: Renato Martins
  • Produktionsland: Brasilien, Portugal, Deutschland
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 85 min.
  • Cast: Miriam Acelia Torres Santos, Sacramento Torres Garcia, Diego Santana Caunedo, Yulme Caunedo Torres
  • Kinostart: 29.12.2011
  • Beitragsbild © Farbfilm Verleih