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„Marie Heurtin“s pious Miracle Worker brings little light in dramaturgical darkness

„Marie Heurtin“s pious Miracle Worker brings little light in dramaturgical darkness

Tochter ihrer Seele nennt die idealistische Ordensschwester Marguerite (Isabelle Carré) über ihre Schülerin Marie Heurtin (Ariana Rivoire), vermeintlich im Geiste zu sich, tatsächlich dem Publikum. Das braucht indes keine emphatischen Off-Bekenntnisse zum Verständnis von Jean-Pierre Améris junger Hauptfigur.

Letztes ist anders als der Originaltitel nahelegt nicht taubstumme und blinde Titelgestalt. Vielmehr folgt das auf wahren Begebenheiten basierende Melodram der ungeachtet ihrer Lungenkrankheit von unermüdlichem Enthusiasmus getriebenen Nonne bei ihrem Durchbruch in Maries abgeschlossene Welt. Nicht nur die pädagogische Außenperspektive auf das anfangs unbändige Mädchen, das 1885 von ihren überforderten Eltern in die Klosterschule abgegeben wird, erinnert an Arthur Penns The Miracle Worker. Dessen Plot liefert eine Blaupause für den diffusen Einblick in ein fast unbekanntes Leben. Der mühsame, frustrierende Lehrprozess, Maries unkontrollierte Wut über die Kommunikationsbarriere, der bahnbrechende Erkenntnismoment des Konzepts von Sprache sowie der Balanceakt zwischen Unterstützung und Abhängigkeit wirken wie eine blasse, sentimentale Kopie des erdrückenden filmischen Vorbilds. 

In dessen Schatten fühlt sich der Regisseur und Co-Drehbuchautor offenbar sicherer als auf neuem Terrain, welches die markanten Unterschiede der Lebensläufe Heurtins und Helen Kellers eröffnen. So zwängt er die an sich spannende Figur der Marguerite in die Schablone der unbeirrt engagierten Problemfall-Lehrerin, deren Einsatz bis zum Tod hier gar zu religiöser Opfermentalität tendiert. Gott wolle, dass sie Marie die Sprache vermittele – und ein christliches Weltbild – erklärt Marguerite gegenüber der skeptischen Oberschwester (Brigitte Catillon). Ob dies argumentative Strategie ist oder feste Überzeugung, ist nur eine von zahllosen offenen Fragen. Warum verlässt Marie trotz ihrer neuentdeckten Selbstständigkeit zeitlebens nie das Kloster? Warum hat sich zwischen Marie und ihren Eltern keine Form von Gebärdensprache entwickelt? Warum gewöhnten sie die Tochter nicht von klein auf an soziale Grundanforderungen wie Körperpflege und Kleidung? 

Was hat es mit Maries frühem Tod auf sich? Lagen die bemerkenswertesten Erfolge ihres späteren Lebens tatsächlich, wie eine Textkarte nahelegt, im Domino? Warum verbietet Marguerite den Schwestern, Marie ihr krankheitsbedingtes Fortreisen zu erklären? Hatten die intensive Gefühle der Protagonistinnen, die Hingabe, Sehnsucht, Eifersucht, Verlustangst und Beschützerinstinkt verbindet, einen romantische Seite? Dafür hat Die Sprache des Herzens keine Worte und will sie nicht haben. Die Handlung spielt nicht nur, sie denkt in den engen Klostermauern. Das nuancierte Spiel der Hauptdarstellerinnen unterminieren fromme Lektionen in Duldsamkeit und spirituelle Genügsamkeit. Erkrankung und Körperbehinderung gelten implizit als göttliche Prüfungen, mit denen frau nicht zu hadern hat. Dergleichen Ignoranz sowie abgeschmackter Pathos vertiefen nur das Dunkel, welches das ambivalente Werk vermeintlich erhellen will.

  • OT: Marie Heurtin
  • Regie: Jean-Pierre Améris
  • Drehbuch: Jean-Pierre Améris, Philippe Blasband
  • Produktionsland: Frankreich 
  • Jahr: 2014 
  • Laufzeit: 95 min. 
  • Cast: Isabelle Carré, Brigitte Catillon, Laure Duthilleul, Martine Gautier, Sonia Laroze, Patricia Legrand, Ariana Rivoire, Christophe Tourrette, Gilles Treton, Noémie Churlet, Valérie Leroux, Fany Buy, Noémie Bianco, Eline De Lorenzi, Tiphaine Rabaud Fournier, Sandrine Schwartz
  • Kinostart: 01.01.2015
  • Beitragsbild © Concorde