#movie #review #cinema #critic #film #festival #podcast

Scott Derricksons Horrorshow „Sinister“ ergründet die Kraft böser (Film)Bilder

Scott Derricksons Horrorshow „Sinister“ ergründet die Kraft böser (Film)Bilder

Ein lautloser Totentanz eröffnet Scott Derricksons durchtriebenen Horror. Ein Elternpaar und die beiden Kinder zappeln mit Kapuzen über dem Kopf und Schlingen um den Hals am Baum vor ihrem Zuhause, bis sie reglos hängen. Dann ist Schluss mit dem bitterbösen Heimvideo. Das gezeigte Haus gehört nun dem abgestiegenen Tatsachenautor Ellison Oswald (Ethan Hawke), der für jedes Werk in den Ort des Verbrechens zieht. Diesmal nistet er sich mit Frau und den zwei Kindern buchstäblich im Tatschauplatz häuslich ein. Das Böse hält ein Begrüßungsgeschenk bereit: eine Kiste mit 8-mm-Filmen. Einer zeigt die beschrieben Familienaufnahmen und eine Schreckgestalt, die durch die Bilder zu frischer Bedrohlichkeit wächst. 

Den hypnotischen Super-8-Film des Auftakts inspirierte ein Alptraum von Co-Drehbuchautor C. Robert Cargill. Mit Regisseur Derrickson kombinierte er Found-Footage-Horror und Gruselmärchen zu einer ebenso cleveren wie effektiven Story. Deren Kinderschreck ist zu Beginn in Vergessenheit geraten, gleich des ambivalenten Hauptcharakters. Ellisons Ruf als Autor ist am Verblassen; anders sein schlechter Ruf als Vermarkter polizeilicher Ermittlungsfehler. Der Sheriff (Fred Dalton Thompson) des beschaulichen Handlungsorts erinnert sich nur widerwillig an das ungeklärte Verschwinden der Tochter (Victoria Leigh) der ermordeten Vormieter. Sie beschäftigen Ellison mehr als Ehefrau Tracy (Juliet Rylance), die von Heimweh geplagte Tochter Ashley (Clare Foley) und die Alpträume ihres Bruders Trevor (Michael Hall D’Addario). Der Sensationsschriftsteller hat nur Augen für die brutalen Videos, deren nächster Protagonist er sein könnte.

Während Trevor im Schlaf die Produkte seiner Phantasie quälen, studiert sein Vater hellwach die der kranken Phantasie des Mörders. Jeder 8mm-Film dokumentiert den Tod einer Vormieterfamilie und betont die Gefahr, der Ellison seine Nächsten aussetzt. Hinter Berufsehrgeiz gärt masochistischer Voyeurismus, auf den der Killer abzielt. Die Amateuraufnahmen warten nur darauf, dass jemand sie in den Projektor legt. Die Perspektive des Protagonisten ist die des Publikums. Der zugleich abgestoßene und begierige Bilderkonsum verweist auf die inhärente Doppelmoral des Horrorgenres: Lust am Schrecken. Letzten wecken Derrickson und Cargill vorzugsweise mit psychologischen Stilmitteln, deren verstörende Atmosphäre die vereinzelten konventionellen Scares eher dämpfen. Die Suspense wächst aus der Ahnung unaufhaltsam nahenden Übels. Einer unterschwelligen Verworfenheit, die stückweise an die Oberfläche bricht. 

Das Grauen der Videos wird greifbarer, bis Ellison meint, dort das personifizierte Böse zu erblicken. Oder hat die Mischung aus Boogie Man und uralter Gottheit mit kalkweißem Gesicht und schwarz umrandeten Augen ihm auf den Grund seines blutrünstigen Charakters geblickt? Die Antwort des ausgefeilten Plots ist als Kommentar zum Machtverhältnis zwischen Schreckgespenst und Zuschauer_innen ebenso treffsicher wie als abgründiger Schauerspaß. 

  • OT: Sinister
  • Regie: Scott Derrickson
  • Drehbuch: C. Robert Cargill, Scott Derrickson
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 110 min.
  • Cast: Ethan Hawke, Vincent D’Onofrio, Clare Foley, James Ransone, Fred Dalton Thompson, Michael Hall D’Addario, Juliet Rylance, Cameron Ocasio, Danielle Kotch, Victoria Leigh, Ethan Haberfield, Blake Mizrahi, Rachel Konstantin, Nicholas King
  • Kinostart: 22.11.2012
  • Beitragsbild © Senator / Wild Bunch
This piece first appeared …