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Benoit Jacquots „Eva“ im Berlinale Wettbewerb

Benoit Jacquots „Eva“ im Berlinale Wettbewerb

In jeder Szene von Benoit Jacquots amüsantem Psychogarn sind sich der Regisseur und die wie gewohnt exzellente Isabelle Huppert bewusst, dass James Hadely Chases Story ein Potboiler ist. Die Pulp Novel um einen gierigen Betrüger und eine mysteriöse Femme fatale versetzt sich aus den 40ern so mühelos ins Hier und Jetzt, als sei sie erst druckfrisch in der Bahnhofsbuchhandlung gelandet. Wie bereits bei Tagebuch einer Kammerzofe zelebriert die Inszenierung die reißerischen Aspekte der Vorlage, anstelle deren unglaubwürdigen Wendungen und stereotypen Figuren den Anstrich der Seriosität zu geben. Der Fokus richtet sich mit unverhohlenem psychologischen Voyeurismus auf die moralische Ambivalenz der Charaktere. Oder, im Fall des Antihelden: deren abgrundtiefe Verdorbenheit.

Bertrand (Gaspard Ulliel) ist das eigentliche Momentum der Spirale aus Zerstörungslust und Besessenheit, deren Richtung er zu spät erkennt. Die Titelfigur ist in Intelligenz, Geschlecht, Alter und Gefühl die Antithese zu dem selbstsüchtigen Gauner, der den fatalen Fehler begeht, sich in ihr das falsche Opfer auszusuchen. Dezent streut Jacquot in dem eleganten Szenario Hinweise auf die psychopathischen Tendenzen seines Hauptcharakters. Bertrand ist verlogen, manipulativ, diebisch und unfähig zu Empathie und emotionalen Bindungen. Die Beziehung mit seiner jungen Freundin Caroline (Julia Roy) ist ebenso durch persönlichen Vorteil motiviert wie sein Verhältnis zu der Edelprostituierten Eva (Huppert). Sie reizt ihn als Beute, weil er unbewusst durch sie seinen Mangel erkennt.

Evas Passion für ihren Ehemann Georges ist eine Form persönlicher Allianz, die er nicht erfassen kann, jedoch aus reiner Missgunst und Lust an emotionaler Destruktivität für sich will. Während sie ihren Job mit cooler Professionalität ausübt, tarnt er seine Unbegabtheit mittels eines riskanten Lügengerüsts als Genie. Doch das Defizit an Vorstellungskraft, das ihn daran hindert, den längst überfälligen Nachfolger seines geklauten Bühnenerfolgs abzuliefern, führt zu der drastischen Fehleinschätzung Evas, die ihn mit seinen eigenen Mitteln bekämpft. Nur einer der sarkastischen Twists ist dabei, dass Bertrand Eva tatsächlich wie beabsichtigt zur Figur eines doppelbödigen Plots macht. Nur spielt er darin nicht den Part, den er sich zugedacht hatte.

Obsession, Intrigen sowie die sozialen, sexuellen und emotionalen Ausformungen von Perversion sind Lieblingsthemen des französischen Regisseurs, der hier einmal mehr Melodrama und Thriller zu einer hübschen Pikanterie verknüpft. Dank des Darstellergespanns verliert die Romanverfilmung trotz einiger überkonstruierter Einfälle nicht an Schwung. Doch ohne den künstlerischen Tiefgang von Jacquots besten Werken fehlt es dem Dramolett nicht nur an Unterhaltungswert, sondern am nötigen Format für den Berlinale Wettbewerb.

  • OT: Eva
  • Regie: Benoit Jacquot
  • Drehbuch: Benoit Jacquot, Gilles Taurand
  • Produktionsland: Frankreich, Belgien
  • Jahr: 2017
  • Laufzeit: 102 min.
  • Cast: Isabelle Huppert, Gaspard Ulliel, Julia Roy, Marc Barbé, Richard Berry, Nathalie Charade, Ellen Mires
  • Beitragsbild © Berlinale
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